Syrien: «Alle versuchen, die Normalität aufrechtzuerhalten»

Als einer der wenigen Schweizer in Syrien ist der Ingenieur Henri M. Stalder derzeit in Damaskus im Einsatz: Dank seiner Arbeit beim UNHCR erhalten Vertriebene ein sicheres Dach über dem Kopf. Er sprach mit SRF News über humanitäre Hilfe im Umfeld voller Notfallsituationen – und über gute Momente.

Person vor zerstörtem Auto

Bildlegende: Schwieriges Umfeld: Der Schweizer Henri M. Stalder koordiniert Wohnraum-Programme für Vertriebene in Syrien. Henri M. Stalder

Der gebürtige Luzerner Baumeister Henri M. Stalder vom Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) steht seit eineinhalb Jahren für das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) in Syrien im Einsatz. Von Damaskus aus koordiniert er die «Shelter»-Programme. Das Ziel seiner Arbeit ist unter anderem, Wohnraum für Vertriebene bereitzustellen.

Doch seine Tätigkeit geht weit darüber hinaus: Einerseits muss er alle anderen Organisationen und die Behörden in diesem Bereich koordinieren. Andererseits bedeutet humanitäre Arbeit auch, die Gemeinschaften vor Ort zu stärken. Im Interview mit SRF News spricht Stalder über seine Herausforderungen in Damaskus.

SRF News: Herr Stalder, wie sieht Ihr «normaler» Arbeitstag aus – falls es den gibt?

Henri M. Stalder: Es gleichen sich selten zwei Tage. Wir versuchen jedoch, uns gut um Routine-Aktivitäten unserer geplanten Programme und Aktivitäten zu kümmern. Gleichzeitig versuchen wir, auf plötzliche Veränderungen zu reagieren: Neue Notfallsituationen, Anpassungen der normalen Programme aufgrund von Ressourcenknappheit und fehlender Gelder. Es ist ein dynamischer Prozess.

Warum gingen Sie ausgerechnet nach Syrien?

Ich finde, in der humanitären Arbeit muss man bereit sein, ungewöhnliche Aufgaben zu übernehmen – das bedeutet auch, an schwierige Orte geschickt zu werden. Vor allem als Schweizer Experte für die UNO halte ich es für wichtig, Fähigkeiten und spezialisiertes Wissen so gut wie möglich in den Dienst der entsprechenden Organisation zu stellen. Konsequenterweise bewarb ich mich 2012 für diesen Posten in Syrien und wurde gewählt.

Wie muss man sich humanitäre Arbeit im Land vorstellen? Wie funktioniert die Kooperation mit anderen Hilfswerken?

Wir haben mehrere Foren zur Kooperation und Koordination, zum Beispiel das humanitäre Country-Team, das aus UNO- und Nicht-UNO-Organisationen besteht. Zusätzlich gibt es die «Sektoren», die das Mandat zur Koordination verschiedener Partner in einem bestimmten thematischen Bereich haben. In meinem Fall ist das «Shelter», zu verstehen als «Wohnraum für Krisen-Betroffene»

«  In der humanitären Arbeit muss man für ungewöhnliche Aufgaben bereit sein. »

Henri M. Stalder

Die Kommunikation zwischen den Akteuren und den Programmkoordinatoren verbessert sich ständig. Das heisst nicht, dass es immer leicht ist. Es ist eine tägliche Herausforderung, mit so vielen Partnern wie möglich zu interagieren – um mit den «regulären» Aktivitäten sowie mit neuen, unerwarteten Situationen mithalten zu können.

Personengruppe

Bildlegende: Gute Momente: «Wenn man sieht, dass es Menschen besser geht.» Henri M. Stalder

Was sind die Schwierigkeiten Ihrer Arbeit? Gibt es «gute Momente»?

Natürlich gibt es gute Momente. Vor allem, wenn man sieht, dass es Menschen tatsächlich aufgrund der durchgeführten Aktivitäten besser geht.

Oder, in meinem Bereich, wenn sich die Kollaboration der Partner auszahlt: Das sieht man bei zeitnaher Lösung von Unterkunftsproblemen, beispielsweise.

Die grösste Herausforderung ist es, die regulären Aktivitäten am Laufen zu halten, während man sich an aussergewöhnliche Veränderungen anpassen muss – in einem Umfeld, in dem Sicherheitsbedenken omnipräsent sind und das sehr restriktiv ist im Bezug auf Bewegung, persönliche Ablenkung sowie die Möglichkeiten, mit dem Stress umzugehen. Manchmal sehe ich diese Dinge als meine persönlichen Herausforderungen. Doch man muss sich bewusst sein, dass jeder hier ähnliche Spannungen durchlebt,

Ihr Hauptquartier befindet sich in Damaskus. Wie unterscheidet sich die Situation in der Hauptstadt vom derjenigen im Rest des Landes?

Das Stadtzentrum von Damaskus ist wenig von sichtbarer Zerstörung betroffen: Die Versorgung mit Wasser und Strom ist mehrheitlich gewährleistet, auch die Administration funktioniert weiterhin. Je weiter man sich aber vom Zentrum weg bewegt, desto mehr ändert sich dies: Die Dienste funktionieren nur zeitweise, manche Regionen sind schwer zu erreichen – das heisst, auch nur schon das Pendeln zum und vom Arbeitsplatz ist eingeschränkt. Das sind grosse Herausforderungen für die Bevölkerung.

Wie ist denn die Atmosphäre in der Stadt?

Auf den ersten Blick bietet sich ein Bild der Normalität – alle versuchen diese Normalität aufrecht zu halten; wohl nicht nur um das Image zu wahren, sondern als Teil als eines kollektiven Bewältigungsmechanismus. Das trifft auch für ganz Syrien zu: Die Menschen versuchen, so viel «Alltag» wie möglich zu leben und den Herausforderungen zu trotzen. Ich möchte hier den absolut beeindruckenden Willen der syrischen Bevölkerung erwähnen, mit einer möglichst positiven Grundhaltung eine sehr schwierige Zeit zu durchleben.

«  Die Menschen versuchen, so viel «Alltag» wie möglich zu leben.  »

Henri M. Stalder

Mittlerweile hat die Krise fast jeden getroffen. Die lange andauernde Krise fordert nebst den offensichtlichen Konsequenzen wie Zerstörung und Vertreibung von der Bevölkerung ihren Tribut – die Menschen sind müde und erschöpft.

Wie würden Sie die Situation einem Schweizer erklären, der die Lage nur aus der Ferne via Medien mitbekommt?

Wir müssen uns erstens bewusst sein, dass Medien oft nur einen Teil von dem, was passiert, darstellen – und oft nur die schlimmsten Elemente. Das «wahre» Bild – das auch nur durch meine «persönliche Linse» hindurch – ist das eines Landes in einer schwierigen Lage.

«  Wir leben in einem Umfeld, in dem Sicherheitsbedenken an erster Stelle stehen. »

Henri M. Stalder

Eine Lage, welche die Mehrheit der Bevölkerung weder wollte noch erwartete. Die Bevölkerung zeigt erstaunliche Entschlossenheit, diese Zeit zu bewältigen – wohlwissend aber, dass die Krise Ausmasse erreicht hat, die nicht nur auf Syrien langfristige Effekte haben werden.

Zweitens muss man darauf hinweisen, dass wir in Syrien in einem Umfeld leben, in dem Sicherheitsbedenken an erster Stelle stehen. Das beeinflusst nicht nur die Bewegungsfreiheit, sondern alle Aspekte des alltäglichen Lebens.

Drittens: Obwohl sich die ganze Welt der unfassbaren Ausmasse dieser regionalen Krise bewusst ist, ringen die humanitären Organisationen mehr und mehr um Mittel.

Auch in der Schweiz gibt es Stimmen, die fordern, dass syrische Flüchtling nicht hierher kommen sollen – sondern stattdessen in Syrien unterstützt werden sollten. Ist das realistisch?

Diese Stimmen gehen davon aus, dass Flüchtlinge einen freien Willen und eine Wahl haben zwischen gehen oder nicht. Das ist nicht der Fall. In einer idealen Welt sollte es keine Flüchtlinge geben. Doch die Realität ist sehr anders. Vertrieben zu werden, egal ob ausser- oder innerhalb des eigenen Landes, ist keine Wahl, sondern etwas, das den Betroffenen aufgezwungen wird. In den meisten Fällen ist es die einzige Option, das Leben zu retten oder sich vor Verfolgung zu schützen.

Unter dem Strich heisst das: Erstens wird humanitäre Hilfe in Krisengebieten benötigt. Zweitens müssen die Gründe für die Krisen an der Wurzel gepackt werden – durch Fürsprache und politischen Dialog. Hier sind die Vereinten Nationen sowie die Länder in ihren spezifischen Rollen gefordert. Drittens muss man akzeptieren, dass die Welt zusammenhängt: Dies beinhaltet auch Migration. Lange Zeit haben viele Gesellschaften die Existenz von fernen Krisen ignoriert und verleugnet, dass man selbst einen Anteil an Verantwortung hat. Die jüngsten Ereignisse führen schmerzhaft vor Augen, dass uns die Realität eingeholt hat und alle herausfordert.

Von hier aus schauen womöglich einige Schweizer auf die Situation in Syrien und fühlen sich hilflos. Wie kann denn jemand hierzulande helfen?

Ich habe vorhin die limitierten Mittel angesprochen. Spenden an das UNHCR sind natürlich willkommen, sie haben eine positive Wirkung auf das Leben der Menschen in Syrien. Was auch helfen würde, wäre eine Veränderung der Wahrnehmung, mehr Information, um die Situation in ihrer Komplexität zu verstehen – Medien können nur jeweils fragmentierte Information liefern.

Meiner Erfahrung nach wird die Schweiz als neutrales und unvoreingenommenes Land wahrgenommen. Deswegen sähe ich gerne eine breite, unterstützende Haltung für die Rolle der Schweiz als Mediatorin zwischen Parteien, falls sie dazu aufgefordert wird.

Das Interview führte Marguerite Meyer.

Zur Person

Zur Person

Henri M. Stalder

Henri M. Stalder, 57, ist seit 2014 als von der Schweiz dem UNHCR zur Verfügung gestellter Experte in der syrischen Hauptstadt Damaskus stationiert, wo er für den Bereich «Shelter» (Wohnraum) verantwortlich ist. Er arbeitet seit 2004 für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in der humanitären Hilfe.

Das SKH

Das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe (SKH) ist ein Milizkorps mit rund 700 einsatzbereiten Personen, die entsprechend ihren Kenntnissen und Fähigkeiten in Fachgruppen eingeteilt sind. Das SKH ist ein Mittel der humanitären Hilfe des Bundes für direkte Aktionen und die Unterstützung internationaler Organisationen durch Spezialisten.

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