Syrien: Zwei Jahre Krieg und kein Ende in Sicht

Hiess es früher «Alle gegen Assad», heisst es heute «Jeder gegen Jeden». Kämpfe gibt es zwischen Kurden und Arabern, zwischen Sunniten und Alawiten, zwischen Dörfern und Stadtteilen. Wo die Fronten verlaufen, ist oft unklar. Die Zukunft verheisst nichts Gutes – auch nach einem möglichen Frieden.

Seit zwei Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Nach UNO-Angaben sind in den Kämpfen bisher 72'000 Menschen getötet worden. Über eine Million ist in die Nachbarländer geflüchtet, berichtete das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR). 2,5 Millionen sind nach UNHCR-Angaben innerhalb des Landes auf der Flucht.

Wenn der Krieg nicht ende, könnte sich die Zahl der ins Ausland geflohenen Menschen bis Ende des Jahres verdoppeln oder verdreifachen, sagte UNO-Kommissar António Guterres. In Ankara warnte er angesichts der Kämpfe vor dem «Risiko einer Explosion» in der spannungsreichen Nahost-Region.

Keine Seite erringt entscheidenden Erfolg

Als in Damaskus vor zwei Jahren die ersten Demonstranten auf die Strasse gingen, wurden sie von der Polizei niedergeknüppelt. Drei Tage später fielen in der Provinzstadt Dar'a Schüsse. Das Regime antwortete damals auf Sprechchöre und regierungsfeindliche Graffiti mit Heckenschützen und Folter.

Militärisch herrscht seit Monaten ein Patt. Weder Assads Soldaten noch den Rebellen gelingt es, die drei grössten Städte Syriens (Aleppo, Damaskus, Homs) unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Aufständischen kontrollieren vornehmlich ländliche Gebiete, während Assad sich offenbar darauf konzentriert, die wichtigsten Städte zu verteidigen.

Nachbarländer unterstützen jeweils verschiedene Seiten

Auf der Seite des Regimes sind, wenn auch nicht flächendeckend, Kämpfer der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah und Militärberater aus dem Iran im Einsatz. Angeblich sollen sich kürzlich auch einige schiitische Milizionäre aus dem Irak in das Nachbarland aufgemacht haben.

Die Rebellen haben ihrerseits Unterstützung von Hunderten arabischer Kämpfer erhalten. Die meisten davon sind Islamisten. Für sie ist der syrische Bürgerkrieg eine weitere Front im globalen «Dschihad». Damit wurde aus der Propagandalüge des Assad-Regimes, das den friedlichen Aufstand im März 2011 als Verschwörung militanter Islamisten diskreditiert hatte, zumindest teilweise Realität.

Menschen gehen durch eine zerstörte Strasse.

Bildlegende: Von dieser Strasse in der Stadt Deir ez-Zor ist nicht mehr viel übrig geblieben. reuters

Auge um Auge, Zahn um Zahn – Krieg ohne Regeln

Amnesty International hat allen Konfliktparteien Kriegsverbrechen vorgeworfen. Syrische Regierungstruppen bombardieren Amnesty zufolge «weiter wahllos Zivilisten, setzen dabei auch Streubomben ein und machen ganze Nachbarschaften dem Erdboden gleich». Bei ihren Ermittlungsreisen Anfang März fanden Amnesty-Mitarbeiter neun Streubomben in der Nähe einer dicht bewohnten Siedlung.
 
Die Recherchen belegten aber auch eine Zunahme der Übergriffe durch oppositionelle Gruppen. Immer häufiger komme es zu Geiselnahmen. Gefangene Soldaten, Angehörige der regierungstreuen Milizen und mutmassliche Kollaborateure würden gefoltert und hingerichtet.

Opposition einig gegen Assad, uneins über neues Syrien

Die politische Führung der Rebellen ist tief zerstritten. Der neue Dachverband der Opposition, die «Nationale Koalition», kam erst auf massiven internationalen Druck zustande. Auf eine provisorische Exilregierung können sich die verschiedenen Lager trotz mehrerer Anläufe nach wie vor nicht einigen.

Verhandeln will die Opposition nur mit handverlesenen Vertretern des Regimes. Doch nur unter der Bedingung, dass Assad zurücktritt. Der Präsident denkt jedoch gar nicht daran, seine Macht für einen Friedensschluss zu opfern.

Syrer stehen vor ungewissem Schicksal

Doch die Zeit spielt für die Rebellen. Denn nicht nur Experten sind sicher: Assads Tage sind gezählt. Aber auch wenn das Regime zusammenbricht, die Zukunft könnte düster werden: Anarchie, Bandenherrschaft, Drogen- und Waffenhandel, Rachefeldzüge und ethnische Massaker drohen.

Einen bitteren Vorgeschmack erleben die Bewohner von Damaskus schon heute. Nachts das Haus zu verlassen, ist in der Stadt zum Risiko für Leib und Leben geworden. Die Bewohner stehen eingekesselt zwischen den Fronten.

«Sie werden uns weiterhin unterdrücken und tyrannisieren», sagte ein Mann aus Damaskus über die syrische Führung. «Aber die eigentliche Tragödie ist, dass uns die Rebellen auch hassen.»

Luftwaffe fliegt Angriffe

Der Krieg in Syrien geht mit unverminderter Härte weiter. Die Luftwaffe  flog am Freitag  Angriffe in der südlichen Provinz Daraa. Dort waren die Massenproteste im März 2011 eskaliert. Auch im Umland von Damaskus gab es laut Menschenrechtsbeobachtern es Luftschläge.