Syriens ungehobene Kulturschätze für immer verloren

Die Flüchtlingsströme dokumentieren das menschliche Leid, das der Bürgerkrieg in Syrien verursacht. Nun zeigen Satellitendaten der UNO auch die kulturelle Zerstörung.

Dutzende Säulen auf dem Gelände der ehemaligen Wüstenstadt Palmyra, Autos vorne, ein Berg hinten.

Bildlegende: Palmyra lag an der Seidenstrasse. Vom damaligen Prunk zeugen heute noch dutzende Säulen. Imago

Dort, wo in Syrien Bomben detonieren, Schüsse fallen und Männer kämpfen, blühten einst Städte. Dutzende werden nun, Jahrhunderte später, zerstört oder beschädigt.

Eine Auswertung von Satellitenbildern durch die Vereinten Nationen zeigt, dass seit Beginn des Bürgerkriegs fast 300 Kulturstätten in Syrien beschädigt, geplündert oder gänzlich zerstört wurden. Besonders die heftig umkämpfte Altstadt von Aleppo sei schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, sagt Einar Bjorgo von der UNO.

Aber auch die abgelegene römische Ausgrabungsstätte Palmyra habe stark gelitten. Die Wüstenstadt an der Seidenstrasse war vor viertausend Jahren ein blühender Handelsort. Im ersten Jahrhundert nach Christus stand dort ein Baal-Tempel. Dieser war eines der wichtigsten religiösen Bauwerke im gesamten Vorderen Orient.

Syrien als Wiege der Zivilisation

Das ganze Land ist aus archäologischer Sicht sehr wichtig. «Syrien ist eines der reichsten Länder der gesamten alten Welt», sagt Mirko Novak, Professor für vorderasiatische Archäologie an der Universität Bern. Bis vor kurzem leitete er selbst eine Ausgrabung in Syrien. «Und das Land gehört als Teil der antiken Kulturlandschaft Mesopotamiens zur Wiege der Menschheitsgeschichte.»

Es sei grauenvoll, zu sehen, wie bedeutende und einzigartige Kulturstätten unwiederbringlich zerstört würden, sagt der Archäologe. «Zum Einen sind die ältesten Hochkulturen dort entstanden, und auch viele wichtige Ereignisse wie das Sesshaftwerden des Menschen haben sich in Teilen Syriens abgespielt.»

Zum Anderen handle es sich bei bewussten Zerstörungen, die von religiösen Fanatikern ausgeführt würden, auch um den Versuch, die Menschen ihrer kulturellen Identität zu berauben, so Novak. Diese sei stark mit diesen Stätten verbunden.

Raubgrabungen als Einnahmequelle

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zerstört in der von ihr kontrollierten Euphrat-Region im Osten Syriens gezielt Skulpturen und Heiligengräber, die sie als ketzerisch betrachtet. Doch das Problem beschränkt sich nicht nur auf die Dschihadisten. Offenbar durchwühlen auch Bewohner umliegender Dörfer aus Not den Boden antiker Stätten auf der Suche nach Figurinen, Vasen oder Münzen.

Welche Rolle die syrische Armee und die Rebellen dabei spielen, sei unklar, sagt Karin Bartl vom Deutschen Archäologischen Institut. Letztlich werde wohl nur ein Friedensschluss die Zerstörung des syrischen Kulturerbes beenden.