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International Syrische Flüchtlinge: Kälte und die Grenzen der Solidarität

Ein Wintersturm hat die prekäre Lage der syrischen Flüchtlinge weiter verschärft. Mehrere Menschen sind erfroren. Achim Vogt, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut, schildert die Lage vor Ort. Er erklärt, warum die Solidarität der Libanesen zwar bröckelt, aber trotzdem anhält.

Ein Mädchen in einem Flüchtlingslager in der syrischen Region Idlib
Legende: Die entwurzelten Syrer kämpfen mit dem Wintereinbruch, der auch im Nahen Osten Minusgrade brachte. Reuters

SRF: Wie ist die aktuelle Situation in den Flüchtlingslagern?

Achim Vogt: Der zweite grosse Wintersturm ist vorbei, die Kälte und der Schnee sind aber geblieben. Die Temperaturen steigen zwar in den Ebenen und an der Küste. Aber nicht in den Bergen, wo sehr viele Flüchtlinge leben, ja überleben. Und damit ist die Situation für hunderttausende von Flüchtlingen auch weiterhin prekär.

Der Schnee ist also weiterhin ein Thema. Wie sieht die Versorgungslage aus. Sind die Strassen überhaupt befahrbar?

Im Wesentlichen ist die Versorgung gesichert, auch wenn es weniger als benötigt ist. Offizielle Hilfslieferungen, wie beispielsweise der Vereinten Nationen können seit dem Wochenende wieder von der Hauptstadt Beirut in die Lager gelangen. Auch private Hilfslieferungen können wieder abgewickelt werden. Zuvor waren einige Bergstrassen wegen Eis und Schnee gesperrt.

Die Menschen im Libanon organisieren also auch private Hilfslieferungen und bringen diese eigenständig in die Flüchtlingslager?

Es gibt einige solcher Organisationen. Beispielsweise wurde am vergangenen Samstag ein ganzer Konvoi in drei verschiedene, besonders betroffene Lager geschickt. Die Lieferungen umfassten Winterkleidung, aber auch Heizöl. Dies zeigt vor allem eines: Zwar glaubt die Mehrheit der Libanesen mittlerweile, dass das Land nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen kann. Aber für die Flüchtlinge, die da sind, gibt es doch eine grosse Solidarität – neben Hilfslieferungen auch in Form von Geldspenden.

Als im letzten Jahr der millionste Flüchtling registriert wurde, wurde auch psychologisch eine Schwelle überschritten.

Sie zeichnen ein gemischtes Bild. Zuletzt hörte man ja vor allem von den neuen, erschwerten Einreisebedingungen für syrische Flüchtlinge. Es gibt also nach wie vor eine grosse Solidarität im Land?

Die Lage stellt sich sehr differenziert dar. Als im letzten Jahr der millionste Flüchtling registriert wurde, wurde auch psychologisch eine Schwelle überschritten. Seither hat sich die Stimmung sowohl bei der Bevölkerung als auch der Politik gewandelt, die natürlich nachziehen musste. Aber wenn es nötig ist, gibt es nach wie eine sehr breit abgestützte Solidarität, die sich im Praktischen zeigt. Es gibt relativ viele Flüchtlinge, die gerade Geld für das Nötigste haben. Sie sind auf die lokale Bevölkerung, ihre direkten Nachbarn angewiesen. Diese Hilfe bekommen sie nach wie vor.

Das erklärte Ziel der libanesischen Regierung ist, die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft zu verringern. Doch damit fangen die Probleme im Praktischen an.

Es gab von Seiten der Hilfsorganisationen Kritik an den neuen Einreisebestimmungen. Diese gelten nun seit einer Woche. Welche Erfahrungen hat man bislang damit gemacht? Werden nun wirklich Menschen abgewiesen?

Es ist noch zu früh, die Situation an den Grenzen abzuschätzen. Doch die Kritik bleibt. Sie wird von Libanesen genauso wie von internationalen Organisationen und Botschaften geäussert.

Denn die Umsetzung dieser neuen Vorschriften ist in vielen Fällen unklar: Was sind humanitäre Notfälle, die von den Visa-Bestimmungen ausgeschlossen sein sollen? Wie finden etwa die sogenannten Kurzzeit-Visa Anwendung, die eine Einreise für 24 Stunden erlauben? Das erklärte Ziel der libanesischen Regierung ist, die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft zu verringern. Doch damit fangen die Probleme im Praktischen an.

8 Kommentare

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  • Kommentar von V. Humbert, Carouge
    Jetzt darf man hier also nicht mal mehr schreiben, wie nachdenklich das uns in der Schweiz stimmen sollte, dass im Libanon (Bevölkerung 6 mio) bei der Aufnahme des 1'000'000sten Flüchltings auch eine psychologische Grenze überschritten wurde? Echt jetzt? Wenn ja, schlimm!
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    1. Antwort von Christa wüstner, Reinach
      Aber gerade hier sollte westliche Hilfe vor Ort starten. Diese Flüchtlinge sind total hilflos. Es hätten z.B. Winterunterkünfte gebaut werden können. Der Preis wäre nicht höher als die Betreung der Flüchtlinge hier. Warum tun die Hilfwerke nichts dafür? Völlig unverständlich.
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    2. Antwort von U.Gnos, Luzern
      Warum leisten die Flüchtlingshilfswerke nicht Hilfe vor Ort ? Statt immer nur zu fordern und mehr Geld zu verlangen und abwarten und Tee trinken.Diese Flüchtlinge brauchen JETZT unsere Hilfe.Mit wenig Investition könnte Tausenden von Menschen geholfen werden. z.B. Zelte,Decken,Medikamente und mindestens Lebensmittel,damit sie nicht auch noch hungern müssen.
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    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Den Hilfswerken wurden im Herbst Hilfsgelder gekürzt! Das grösste unter ihnen war sogar bankrott, weil Länder ihren humanitären Pflichten/Aufträgen/Verträgen nicht nach gekommen sind, statt dessen eben lieber Waffen & Kriegsmaterial lieferten & weiter liefern werden.
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    4. Antwort von A.Käser, Zürich
      E.W./Hier wird ganz offensichtlich,dass globales Wirtschaften eine Einbahnstrasse ist.Funktioniert nur,in Richtung Geld generieren.Die damit verbundenen Verantwortlichkeiten werden"irgendwohin"delegiert.Erwirtschaftet wird das Geld selbstbestimmt und in "geschlossenen Aktions-Bereichen".Die daraus entstehenden Folgen und damit verbundenen Verbindlichkeiten,"versanden" in unendlichen "Pallaver-Sessions".Nur so,vonwegen für alles offen und global.
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    5. Antwort von Christa Wüstner, Reinach
      Dann müsste eben eine Sammelaktion starten (zB. Glückkette etc.) oder zu einer Aktion aufrufen und Geld sammeln) da können wir noch lange schreiben , uns aufregen und Gründe suchen. Den Menschen hilft das überhaupt nichts...Wo sind eigentlich die kirchlichen Hilfswerke ? Im Schweigen verschollen?
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Den Libanesen muss man ja schon ein grosses Lob für ihre Solidarität trotz widerlichen Umständen aussprechen. Aber trotzdem mache ich mir Gedanken über die grosse Flüchtlingsströme. Neuerdings werden in Syrien mangels Nachwuchs beim IS auch unwillige Menschen, sogar Teenager, in den "Militärdienst" eingezogen. Diese Rekrutierung könnte bald in anderen Ländern, wo zahlreiche Muslime leben, etwa in der Schweiz, mit einem Anteil von bald einer halben Million, erfolgen.
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  • Kommentar von V. Humbert, Carouge
    "Als im letzten Jahr der millionste Flüchtling registriert wurde, wurde auch psychologisch eine Schwelle überschritten." Und das bei einer Bevölkerung von 6 Millionen! Einfach mal zum Nachdenken, wie hier über Flüchtlinge, leider mehrheitlich, schon nur gedacht, geschweige denn aufgenommen wird.
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