Tansania geht gegen Übergriffe auf Albinos vor

Brutale Übergriffe auf Albinos in Tansania haben die Behörden zum Einschreiten veranlasst: Dutzende Heiler wurden verhaftet, der Präsident lancierte einen Aufruf zur Bekämpfung des tödlichen Aberglaubens.

Zwei Schülerinnen in Tansania beim Spielen, eine ist ein Albino-Mädchen.

Bildlegende: In Tansania sind Albinos viel häufiger als bei uns im Westen. Keystone Archiv

Nach mehreren brutalen Angriffen auf Albinos sind in Tansania 225 selbsternannte Heiler und Zauberer festgenommen worden. Bereits seien 97 von ihnen vor Gericht gestellt worden, sagte ein Polizeisprecher. Nach UNO-Angaben haben in dem ostafrikanischen Land die Gewalttaten gegen Albinos, denen Farbpigmente in Haut, Haaren und Augen fehlen, seit 2013 deutlich zugenommen.

Tansanias Präsident Jakaya Kikwete bezeichnete die Attacken als «abscheulich und grosse Peinlichkeit» für sein Land. Er versprach, alle notwendigen Massnahmen zum Schutz von Albinos zu veranlassen. Die Polizei ihrerseits rief religiöse und politische Führer sowie die Medien des Landes auf, sich an der Bekämpfung von Aberglauben zu beteiligen.


«In Tansania gibt es regelrechte Albinojäger»

6:50 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.03.2015

Brutaler Aberglaube

«Es ist nicht die erste derartige Aktion in Tansania – bereits im Januar gab es eine ähnliche Razzia», sagt SRF-Afrikakorrespondent Patrick Wülser. Die Regierung versuche seit Jahren «diesen brutalen und hässlichen Aberglauben» auszumerzen. Laut der UNO wurden in den vergangenen zehn Jahren allein in Tansania 100 Albinos getötet.

Albinos gelten in Tansania und anderen Teilen Afrikas als Glücksbringer und Vorboten von Reichtum. Selbsternannte Zauberer verwenden trotz eines offiziellen Verbotes die Körperteile von Albinos für ihre Heilungsrituale. Die Erbkrankheit Albinismus trifft im Westen einen von 20'000 Menschen, in Tansania ist es hingegen einer von 1500. Diese Häufung hängt wohl mit häufigen Eheschliessungen zwischen Blutsverwandten in dem Land zusammen.

Ein Albino ist ein Vermögen wert

Körperteile von Albinos werden in Tansania für umgerechnet mehr als 500 Franken verkauft, ein ganzer Leichnam ist bis zu 50'000 Franken wert – das in einem Land, in dem ein Arbeiter pro Tag nur 2-3 Franken verdient.

Unter den Opfern sind oftmals Kinder. So wurde Ende Dezember ein vierjähriges Albino-Mädchen entführt, das bislang nicht gefunden wurde. Mitte Februar wurde ein anderthalbjähriges Kleinkind verschleppt, seine Leiche wurde später entdeckt. Dem Baby waren Arme und Beine amputiert worden. Anfang März griffen bewaffnete Männer ein sechsjähriges Kind zuhause an und schnitten ihm eine Hand ab. Es gebe regelrechte Albino-Jäger in Tansania, sagt Korrespondent Wülser.

Kind überfallen und Bein abgehackt

Eltern von Albino-Kindern leben in ständiger Angst: «Eine Mutter erzählte kürzlich, wie die Jäger mitten in der Nacht in ihr Haus kamen und dem Kind ein Bein abgeschlagen haben. Das Bein haben sie mitgenommen, während das Kind verblutet ist», schildert Wülser einen tödlichen Übergriff. Deshalb würden viele Eltern ihre Albino-Kinder verstecken. Erst als Erwachsene würden diese dann ihr Glück in einer Stadt suchen, dort seien die Menschen aufgeklärter und die Albinos könnten sich in den Menschenmassen besser verstecken.

Dass die Staatsmacht gegen den Aberglauben und das brutale Albino-Geschäft vorgehe, sei dringend notwendig, sagt Wülser. Allerdings gehe es um jahrhundertealte Traditionen, die sich kaum auf einen Schlag beseitigen liessen. Ein weiteres Problem liege darin, dass in Afrika die Naturheiler und ihre fragwürdigen Mittelchen äusserst beliebt seien. Dies habe vor allem finanzielle Gründe: Einen Arzt- oder Spitalbesuch könnten sich die meisten Menschen gar nicht leisten.

Auch Malawi nicht sicher

Auch im bitterarmen Nachbarland von Tansania, Malawi, sehen sich Albinos Angriffen und Verfolgung ausgesetzt. Dort sollen seit Dezember sechs Albinos getötet worden sein. Gerade erst wurde laut Polizei ein Mann wegen versuchten Mordes festgenommen. Er habe versucht, einen 16-jährigen Albino-Jungen zu erwürgen.