Thailand tanzt nach Thaksins Pfeife

Die Proteste in Thailand gegen Regierungschefin Yingluck Shinawatra nehmen zu. Doch die Leute auf der Strasse demonstrieren nicht nur gegen sie, sondern auch gegen ihren Bruder – den früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra. Er lebt zwar im Exil, hat das Land aber immer noch fest im Griff.

Eine Demonstrantin hält ein Anti-Thaksin-Schild in die Höhe: «Todesstrafe für Korruption».

Bildlegende: Die Proteste richten sich gegen die aktuelle Regierung, aber auch gegen den früheren Machthaber Thaksin Shinawatra. Reuters

In Thailand weiten sich die Demonstrationen auf weitere Städte im Süden des Landes aus. Protestaktionen gab es insbesondere auf der Ferieninsel Phuket.

Die Gegner von Regierungschefin Yingluck Shinawatra fordern ihren Rücktritt. Sie ist die Schwester des 2006 gestürzten und wegen Korruption verurteilten Ex-Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra. Die Demonstranten werfen ihr vor, sie sei nur eine Marionette ihres Bruders, der sich ins Ausland angesetzt hat.

Thaksins Einfluss ist tatsächlich immer noch sehr gross, weiss SRF-Ostasien-Korrespondent Urs Morf: «Ganz offiziell ist es so, dass Thaksins jüngste Schwester Yingluck seit 2011 Regierungschefin ist. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass bei entscheidenden Fragen immer noch Thaksin selbst das Sagen hat.»

Regierung per Fernbedienung

Thaksin regiert sozusagen per Fernbedienung – via Internettelefondienst Skype. «Es gibt in den thailändischen Medien Fotos von Kabinettssitzungen, auf denen man alle Minister vor einem Laptop sitzen sieht.» Gebannt würden sie auf den Bildschirm schauen. «Man weiss, jetzt sind sie dabei, zuzuhören, was ihnen Thaksin verkündet.»

Thaksin ist nicht mehr im Amt, er lebt im Exil in Dubai. Wieso also tanzen immer noch alle nach seiner Pfeife? «Thaksin ist ein charismatischer Typ», sagt Korrespondent Morf. Ein wichtiger Faktor sei auch, dass er viel Geld hat: Der Mann ist Multimillionär. Hinzu komme seine Beliebtheit bei der ländlichen Bevölkerung. «Thaksin hat eine populistische Politik betrieben. Das ist sehr gut angekommen bei der Bevölkerung.

Welche Rolle spielt das Geld?

Thaksin habe mit seinem Vermögen aber keine Stimmen gekauft. «Er sagte, er kaufe keine Politiker, sondern er gründe lieber selber eine Partei und werde selber in die Regierung gehen.» Dies sei ein effizienterer Weg, seine Interessen durchzusetzen, erklärt der Ostasien-Korrespondent von SRF.


Thaksin lenkt die Geschicke des Landes von Dubai aus

4:30 min, aus SRF 4 News aktuell vom 27.11.2013

Der ehemalige Regierungschef wird deshalb auch der Berlusconi Thailands genannt. «Das ist nicht ganz falsch: Die beiden haben grosse Ähnlichkeiten», sagt Morf. Beide seien Populisten, und beide seien Geschäftsleute, die in die Politik vordrangen. «Berlusconi ist zwar mit Fernsehsendern gross und reich geworden. Thaksin zuerst mit der Mobilfunkbranche. Aber auch er hat später, als er in die Regierung kam, die Macht öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender rücksichtslos ausgenutzt.»

Medizinische Versorgung verbessert

Eines müsse man Thaksin lassen, sagt Morf: «Dass er der erste war, der in Thailand die soziale Frage der enormen Kluft zwischen Arm und Reich thematisiert hat.» Noch ein grosses Verdienst, den er für sich beanspruchen könne, sei die medizinische Grundversorgung, die er in Thailand eingeführt hat. «Die gab es vorher nicht.»

Die aktuellen Proteste haben damit angefangen, dass Thaksins Schwester Yingluck – auf eine nicht sehr geschickte Weise – eine Amnestievorlage im Parlament eingebracht hat. Deren klares Hauptziel war es, dass Thaksin zurückkommen kann, ohne dass er zuerst eine zweijährige Haftstrafe absitzen muss.

Mittlerweile ist diese Amnestievorlage vom Tisch. «Aber die ganzen Oppositionskräfte, die sich da wieder zusammengerauft haben, die sind schon viel weiter», sagt Morf. «Sie fordern nicht mehr das Ende der Amnestievorlage, sondern ganz offen das Ende des Thaksinisten-Systems.»

Regierungsgebäude belagert

Fünf Ministerien sind schon zu, nun musste eine weitere Behörde evakuiert werden. Die Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörde DSI in Bangkok wurden aufgefordert, ihre Büros zu verlassen. Mindestens 1000 Demonstranten hatten den Komplex umzingelt. In den Gebäuden befinden sich auch die Ministerien für Einwanderung, Steuern und Land.