Tod von Guido Westerwelle: Ein Schnelldenker, klar und schneidig

Jahrelang war Guido Westerwelle in der deutschen Politik omnipräsent. Als Chef der FDP, später als Aussenminister und zwei Jahre als Vize von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Am Freitag ist Westerwelle im Alter von 54 Jahren an Leukämie gestorben.

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Guido Westerwelle ist tot

1:20 min, aus Tagesschau vom 18.3.2016

Am Ende ging alles sehr schnell. Keine Stunde, nachdem der Tod von Guido Westerwelle bekannt wurde, standen bereits ein Kondolenzbuch und ein grosses Foto des Verstorbenen in der Parteizentrale.

Bei Guido Westerwelle ging alles schnell: Mit 33 Jahren wurde er FDP-Generalsekretär, mit 48 Aussenminister unter Angela Merkel. Westerwelle war ein Schnelldenker, ein Schnellschiesser, ein aussergewöhnliches rhetorisches Talent. Bei der Runde der Spitzenkandidaten nach der Bundestagwahl 2005 war Angela Merkel sprachlos gegen einen Gerhard Schröder. Nicht so Westerwelle.

«Ich möchte leben»


Westerwelle: Ein Mann der Extreme

3:07 min, aus Echo der Zeit vom 18.03.2016

«Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibts einen, der die Sache regelt. Und das bin ich», war einer seiner berühmtesten Sätze im Kampf um die Macht.

Ganz anders letzten Herbst: Als Guido Westerwelle gezeichnet von seiner Leukämie-Erkrankung, aber voller Hoffnung nach einer Knochentransplantation in der TV-Show «Günter Jauch» auftrat und die Bilder und Sätze aus seinem früheren Leben Revue passieren liess, sagte er, sie kämen ihm vor «wie aus einer anderen Welt». Er hoffte: «Ich möchte gesund werden, ich möchte nicht nur überleben – ich möchte leben, am Leben teilhaben.» Aus seiner Krankheit, sagte er damals, ziehe er Lehren für das Leben. «Seien wir dankbar, dass wir da sind, nutzen das Leben und regen wir uns nicht über jede Kleinigkeit auf.»

Noch 2002 war ein ganz anderer Guido Westerwelle im Wahlkampf in den «Big Brother»-Container gegangen, hatte sich das Wahlziel 18 Prozent auf die Schuhsole geklebt. Er galt als Verkörperung des neoliberalen Zeitgeists. Er war schneidig, aber bei seinem Coming Out als Homosexueller liess er sich Zeit. Obwohl es alle wussten. Aber das ist Privatsache.

2009 sein grösster Erfolg: Die FDP erzielte bei den Bundestagswahlen ein Rekordresultat: 14,6 Prozent. Vier Jahre später war alles verspielt. Die Liberalen flogen aus dem Bundestag.

Als Aussenminister in der Kritik

Als Aussenminister stand Westerwelle lange unter Kritik. Als Innen- und Oppositionspolitiker war er ein politisches Leben lang für die Abteilung Offensive tätig gewesen, nicht für die Diplomatie. Das merkte man. Die Diplomaten des Auswärtigen Amtes verzweifelten lange an ihm, schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» heute. Als sein grösster aussenpolitischer Fehltritt gilt die Stimmenthaltung Deutschlands im UNO-Sicherheitsrat, als es um eine Militäraktion gegen das Regime des libyschen Diktators Ghaddafi ging. Deutschland isolierte sich.

Guido Westerwelle war einer, der wie eine Kerze an beiden Enden brannte und er schien immer klar und schneidig. Aber das war wahrscheinlich nur der Politiker.