Toronto: Eine Grossstadt als Vorreiterin in der Klimapolitik

Kanada ist kein Paradebeispiel in Sachen Umweltpolitik. Vor vier Jahren stieg das Land aus dem Kyoto-Protokoll aus. Doch Toronto, die grösste Stadt des Landes, schlägt einen anderen Weg ein.

Eine Luftansicht von Toronto am Ontariosee.

Bildlegende: Mit Wasser aus dem Ontariosee werden die Häuser Torontos im Sommer heruntergekühlt. Reuters

Auf den ersten Blick ist Toronto eine typische nordamerikanische Grossstadt. In der Mitte schiessen Wolkenkratzer und Hochhäuser in den Himmel und rundherum breitet sich ein unendlicher, flacher Siedlungsteppich aus. Gut sechs Millionen Menschen leben in der Agglomeration, ein Sechstel der Bevölkerung Kanadas. Wenn es um Klimapolitik geht, ist die Stadt aber eine Vorreiterin.

Entgegen der kanadischen Politik

«Im Jahr 2012 lagen die Treibhausgas-Emissionen Torontos 15 Prozent tiefer als im Jahr 1990. Das Kyoto-Protokoll hatte nur minus sechs Prozent verlangt», sagt David Miller, bis vor fünf Jahren Stadtpräsident von Toronto und der aktuelle Präsident von WWF Kanada.

Seine Stadt wurde in der Klimapolitik aktiv, obwohl die kanadische Bundesregierung aus dem Kyoto-Protokoll austrat und den mächtigen Erdölkonzernen im Land den Vorrang vor der Umwelt gab. Städte hätten die Entscheidungskompetenzen, um in wesentlichen Bereichen, die Klimaerwärmung zu beeinflussen, sagt Miller.

Saubere Energie für Klimaanlagen

«Fast überall auf der Welt sind es die Städte, die über Neubauten entscheiden. Städte haben auch Einfluss, wenn es um Renovationen alter Gebäude geht. In den meisten Städten verursachen Heizungen und Klimaanlagen den grössten Anteil an den Treibhausgasen, im Fall von Toronto geht es um 60 Prozent», sagt Miller. Die Städte hätten es in der Hand, dieses riesige Potenzial auszuschöpfen und damit einen wesentlichen Teil des CO2-Ausstosses zu reduzieren.

Toronto hat ein besonderes Projekt verwirklicht. Die unzähligen Klimaanlagen in den Büro-Hochhäusern im Zentrum Torontos wurden auf saubere Energie umgestellt. Früher seien Türme mit Strom aus Kohlekraftwerken gekühlt worden. Jetzt laufe das ganz anders.

«Wir kühlen all die Hochhäuser im Sommer mit dem kalten Wasser aus dem riesigen Ontariosee, der im Winter gefroren ist und der direkt vor dem Stadtzentrum liegt», erklärt der ehemalige Stadtpräsident. Damit habe man einen signifikanten Beitrag zur Klimagasreduktion geleistet.

Ein Tram in Torontos Innenstadt.

Bildlegende: In Torontos Innenstadt benutzt ein Grossteil der Bevölkerung den Nahverkehr. Nachholbedarf besteht in den Vorstädten. Reuters

Grösster ÖV-Ausbau in Nordamerika

Nach dem Gebäudesektor, sei der öffentliche Verkehr eine Domäne in der die Städte den Klimawandel stark beeinflussen könnten: «Mit der Preispolitik, können die Städte die Bevölkerung dazu motivieren anstelle ihres Autos, den öffentlichen Verkehr zu benutzen und die Städte könnten das Angebot des öffentlichen Verkehrs ausbauen», sagt Miller.

2007 habe Toronto den grössten Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in ganz Nordamerika beschlossen. In den Vorstädten würden 120 Kilometer neue Strassenbahnlinien gebaut. In der Stadt selber benütze schon jetzt der grösste Teil der Bevölkerung für den Weg zur Arbeit die U-Bahn oder das Tram. Schwierig werde es in Toronto aber in den Vorstadtgebieten, die mehr als 20 Kilometer vom Zentrum entfernt sind. Dort benutzen im Moment erst fünf Prozent den öffentlichen Verkehr.


Toronto: Vorreiterin in der Klimapolitik

4:55 min, aus SRF 4 News aktuell vom 10.12.2015

Mehr Kompetenzen für Städte

Bei den Gebäuden und im Nahverkehr könnten die Städte einen wesentlichen Teil dazu beitragen, die Klimaerwärmung zu bremsen, sagt der Chef von WWF Kanada. Die Städte könnten jedoch keine CO2-Steuern einführen und sie könnten den Ausstoss von Klimagasen auch sonst nicht verteuern. Solche Massnahmen gehören zwingend dazu. Aber nur Staaten oder im Fall Kanadas die Bundesstaaten hätten die Kompetenzen dafür.

«Das Entscheidende ist, dass Städte in der Praxis beweisen können, was möglich ist», sagt Miller. Dass gescheite Klimapolitik keine Arbeitsplätze zerstöre und dass sie der Wirtschaft nütze und nicht schade.