Zum Inhalt springen

International Tränen und geballte Fäuste: Kairo nach dem Sturm

Nach den blutigen Zusammenstössen von Polizei und Islamisten in Ägypten brachte die von der Führung verhängte nächtliche Ausgangssperre etwas Ruhe. Doch die Anspannung im Land ist mit Händen zu greifen. Und die nächsten Proteste sind bereits angekündigt.

Legende: Video Gespannte Ruhe in Kairo abspielen. Laufzeit 1:50 Minuten.
Aus Tagesschau Nacht vom 14.08.2013.

Der blutige Konflikt in Ägypten hat eine Ruhepause eingelegt. Die von der Regierung verordnete nächtliche Ausgangssperre beendete zunächst die Zusammenstösse. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des vom Militär entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi und Sicherheitskräften am Mittwoch sind mindestens 278 Menschen ums Leben gekommen.

Tausende Verletzte

Bei den Kämpfen um die Räumung islamistischer Protestlager in Kairo gab es viele Tote, darunter 43 Sicherheitskräfte. Auch vier Journalisten waren unter den Todesopfern.

Rund 2000 Menschen seien verletzt worden, berichteten arabische Medien am späten Mittwochabend. Die Muslimbrüder gingen von deutlich mehr Todesopfern aus, ihr Sprecher Ahmed Aref schätzte die Zahl der Toten am Abend gar auf 2600.

Die Übergangsregierung rief für einen Monat den Notstand aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre.

Scharfe Kritik aus USA und EU

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt aufs Schärfste. Alle Seiten müssten an der Wiederherstellung demokratischer Strukturen durch Wahlen arbeiten und die friedliche Teilnahme aller politischen Kräfte zulassen. Dies verlangte die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton.

«Die heutigen Ereignisse sind beklagenswert und laufen dem ägyptischen Streben nach Frieden, Zusammenhalt und echter Demokratie zuwider», sagte US-Aussenminister John Kerry. Der Notstand müsse so schnell wie möglich aufgehoben werden. Der einzige Ausweg sei eine politische Lösung.

Warnung des Militärs

Die Polizei setzte am Mittwoch bei der gewaltsamen Räumung der beiden Protestlager zunächst Tränengas ein. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen.

Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Daraufhin rief Übergangspräsident Adli Mansur den Notstand aus, der Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung ermöglicht. In Kairo und mehreren anderen Provinzen durfte von 21 bis 6 Uhr kein Mensch die Strasse betreten.

Das Militär hatte am Abend gewarnt, es werde die Ausgangssperre «mit unnachgiebiger Härte» durchsetzen, wie die Zeitung «Al-Ahram» auf ihrer Online-Seite berichtete.

Premier: Keine Alternative

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zu der Räumung der Camps gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Nach Angaben von Innenminister Mohammed Ibrahim wurden bei den Unruhen im Land unter anderem 21 Polizeiwachen angegriffen. Bei der Räumung der Lager seien zahlreiche Waffen sichergestellt worden, darunter Maschinengewehre und Handgranaten.

Im Verlauf der Unruhen in Ägypten wurden am Mittwoch auch zahlreiche christliche Kirchen angegriffen. Nach Angaben des Blattes «Watani» attackierten Islamisten 35 koptische Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Der Sprecher der Katholischen Kirche in Ägypten, Rafic Greiche, berichtete von Übergriffen gegen 17 Gotteshäuser.

Für Freitag haben die Muslimbrüder die Fortsetzung ihrer Proteste angekündigt. Sicherheitskräfte befürchteten deshalb «eine neue Welle der Gewalt».

Zurück in die Militär-Diktatur

Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour fühlt sich durch die Bürgerkriegs-Bilder aus Ägypten «an die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking» erinnert. «Was im Moment in Kairo geschieht, ist noch sehr viel schlimmer», sagte Scholl-Latour der «Passauer Neuen Presse».

In Ägypten flackert immer wieder Gewalt auf. Durch Klicken auf die roten Punkte erfahren Sie mehr zur Lage in den jeweiligen Städten. Stand: 15.08.2013, 17 Uhr, kein Anspruch auf Vollständigkeit

21 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Juerg Stucki, Rotorua NZ
    ...so friedlich sind sie nicht, die leute die das hier geschehene provozieren! und was uns schlussendlich einmal "im herbst und winter" erwartet, ist dann vielleicht der dank dass wir solche leute im westen aufnehmen und verpaeppelen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von İsik hasan, sifirsuphe@msn.com
    herbst, winter,frühling,sommer, wenn in winter tiere durch kealte, hunger sterben werden viele traurig wenn aber etwa 2200 friedliche menschen ermordet werden freuen sich viele in westen oder pro westlich orientierten aber ihr werdet sicher auch ihren herbst und winter erleben was würden sie denken wenn die anderen sich freuen würden
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hagou Hans, Bienne
    ...und diese katastophalen "Atmosphären" kommen mit den ewigen Flüchtlingströmen auch schleichend zu uns... ! - Im Sport sind dies, die Eigentore!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen