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International Tränengas in Istanbul

Trotz der Warnung von Ministerpräsident Erdogan kam es in der Millionenstadt am Bosporus zu Demonstrationen anlässlich des Jahrestags der Gezi-Proteste. Die Sicherheitskräfte gingen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Menge vor.

Legende: Video Proteste in Istanbul abspielen. Laufzeit 1:20 Minuten.
Aus Tagesschau vom 31.05.2014.

Am Jahrestag des Beginns der landesweiten Gezi-Proteste in der Türkei ist die Polizei in Istanbul gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen.

Sicherheitskräfte setzten auf der zum Taksim-Platz führenden Einkaufsmeile Istiklal Caddesi Tränengas ein, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa berichtete. Die Demonstranten waren bis dahin friedlich.

Zahlreiche Festnahmen

Die Polizei hatte den symbolträchtigen Taksim-Platz und den angrenzenden Gezi-Park bereits am Nachmittag abgeriegelt. Medienberichten zufolge sollen bis zu 25'000 Polizisten und 50 Wasserwerfer verhindern, dass Demonstranten auf den Platz vordringen.

Einigen hundert von ihnen gelang es, sich auf der Istiklal Caddesi zu versammeln. Sie forderten in Sprechchören den Rücktritt der Regierung. Der Sender CNN-Türk meldete schon vor dem Tränengas-Einsatz, mehr als 30 Menschen seien festgenommen worden. Danach war auf Fernsehbildern zu sehen, wie Polizisten in Zivil weitere Menschen abführten.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, dass Sicherheitskräfte auch in der Hauptstadt Ankara Wasserwerfer und Tränengas gegen Demonstranten einsetzten. Aus anderen Städten wurden ebenfalls kleinere Zusammenstösse gemeldet.

Warnung des Premiers

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor vor einer Teilnahme an Demonstrationen gewarnt. Er drohte mit einem strikten Vorgehen der Sicherheitskräfte, die «präzise Anordnungen» hätten.

In der Umgebung des Taksim-Platzes wurden neben Wasserwerfern auch Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge in Stellung gebracht. Bosporus-Fähren brachten seit dem Nachmittag keine Passagiere mehr vom asiatischen zum europäischen Teil Istanbuls, wo der Taksim-Platz liegt.

Die U-Bahn-Station am Taksim-Platz wurde geschlossen. Auch in anderen türkischen Städten wurden Zusammenstösse befürchtet.

Protestwelle im Sommer 2013

Die Proteste im vergangenen Sommer hatten sich an Plänen der Regierung entzündet, den Gezi-Park am Rande des Taksim-Platzes zu bebauen. Am 31. Mai vor einem Jahr schlugen sie in landesweite Proteste um, die sich vor allem gegen den autoritären Regierungsstil von Erdogan und die eskalierende Polizeigewalt richteten.

Die Proteste kosteten mindestens sieben Menschen das Leben. Die Massendemonstrationen ebbten im Spätsommer ab. Immer wieder flammen aber seitdem Proteste auf, die die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas zerschlägt.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    War ja klar, dass dieser islamistische Despot Erdogan zum 1. Gezi-Jahrestag keine Demos tolerieren würde. Trotzdem ist es heftig, wie dieser ruchlose Autokrat mit seinen Landsleuten umgehen lässt.
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  • Kommentar von Felix Buchmann, Bättwil
    Herr Erdogan hat das gleiche Problem wie Herr Putin vor zwei Jahren: Massendemonstrationen von informierten, gebildeten Leuten, die genug haben. Putin hat unterdessen die Situation wieder "im Griff", mithilfe der "nationalistischen Karte". Das Schüren aussenpolitischer Krisen hat ihn zum "Helden" gemacht, dem man nicht mehr widerspricht. Vielleicht sollte auch sein türkischer Kollege diesen "Trumpf" ausspielen? Den latenten Zypernkonflikt wieder anheizen? Doch noch in Syrien intervenieren?
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  • Kommentar von Dr. Wolf Wingenfeld, Giza
    Wie die Herrschenden doch die Macht der Symbole fürchten. - Hier in Kairo wird auch immer wieder der Tahrir-Platz hermetisch abgeriegelt, wenn die Gefahr besteht, dass Regime-Gegner sich dort versammeln. Es geht um die Sichtbarkeit: Die Proteste bzw. die Protestierenden sollen nicht sichtbar sein, der Dissens soll keine Präsenz bekommen, der Widerstand gegen die dominante Politik soll durch Artikulationsverbot gebrochen werden.
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