ANC nach Mandelas Tod vor grossen Herausforderungen

Auch heute haben in Südafrikas Hauptstadt Pretoria Tausende von Nelson Mandela Abschied genommen. Für viele ist der Tod des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Südafrikas der Moment, um eine Bilanz zu ziehen. Was ist aus der Vision Mandelas geworden?

Sie sind lange angestanden, um einen letzten Blick auf den Leichnam von Nelson Mandela zu werfen: Tausende wollen ihm in Südafrikas Hauptstadt Pretoria die letzte Ehre erweisen. Doch Mandelas Tod bewegt die Menschen auch dazu, sich zu fragen, wohin die einst gefeierte Regenbogennation nun steuert.

Eine Familie sitzt am Strassenrand, der Mann hält ein Bild Mandelas in der Hand.

Bildlegende: Die Bevölkerung Südafrikas könnte sich bald vom ANC abwenden. Reuters

«Er kam mit seinem Wagen. Wir warteten alle auf der Treppe auf diese wunderbare Person», erinnert sich der weisse Historiker Fransjohan Pretorius an seine erste Begegnung mit Mandela. «Er schritt auf uns zu. Blieb plötzlich stehen. Lachte uns an.» Auf Afrikaans habe Mandela sie begrüsst. Mit diesen paar Worten in der Sprache der ehemaligen Unterdrücker «hat er alle unsere Herzen erobert.»

Für den Historiker ist Mandela einer der wenigen auf dem Kontinent, der den Rollenwechsel vom Befreiungskämpfer zum selbstlosen Politiker geschafft habe. Die meisten krallten sich als Staatschefs dagegen an ihren Sesseln fest und betrachteten die Staatskasse als ihr Eigentum.

Auch dem ANC – Südafrikas Regierungspartei – wird mittlerweile Misswirtschaft und Inkompetenz vorgeworfen. Mit Posten und Pensionen halte der ANC seine Wähler geschickt bei Laune, sagt Pretorius.

«Die Leute haben genug»

Noch deutlicher wird der schwarze Politologe Ralph Mathekga: Der Zustand des Landes sei eine Katastrophe und der ANC komme ernsthaft unter Druck: «Die Leute stellen sich langsam aber sicher ernsthafte Fragen zur Politik des ANC. Sie haben genug vom zelebrierten Image der Befreiungsbewegung und wollen Antworten auf reale Probleme.»

Vier Millionen arbeitslose und schlecht gebildete Jugendliche seien eine Gefahr, sagt Mathekga. «Die Leute fragen, ob sich der ANC überhaupt für eine gute Ausbildung unserer Kinder interessiert oder ob sich die Partei weiterhin in erster Linie mit sich selbst beschäftigt.»

Das Ausfüllen des Wahlzettels ist in Südafrika auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid kein rationaler Entscheid, sondern eine emotionale Angelegenheit. Der ehemaligen Befreiungsorganisation fühlt man sich verpflichtet. Davon profitiert der ANC bis heute.

«Der ANC ist so gespalten wie nie seit 1994»

Das könnte sich aber nach Einschätzungen des Politologen William Gumede von der Witwatersrand Universität in Johannesburg bald ändern: «Interessanterweise begannen alle afrikanischen Befreiungsbewegungen, als sie ins zwanzigste Jahr kamen, auseinanderzubrechen», sagt er.

Erstmals werde eine Generation von Südafrikanern wählen dürfen, die unter der Demokratie geboren seien, sagt Gumede. «Diese jungen Leute haben keine emotionale Bindung an den ANC und dessen Befreiungskampf.»

Auch gründeten immer mehr ANC-Mitglieder ihre eigenen Parteien. «Der ANC ist so gespalten wie nie seit 1994, und er hatte noch nie einen Anführer, der so viele Mitglieder gegen sich hat. Die Partei wird bei der Wahl 2014 erstmals echte Schwierigkeiten bekommen.»

Einen möglichen Stimmungswandel bekam Staats- und Parteipräsident Jacob Zuma bereits während der Trauerzeremonie für Mandela zu spüren. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurde er im Stadion von Soweto ausgebuht.

Mandela hatte sich vor fast zehn Jahren aus der Politik verabschiedet, war aber immer noch da. Selbst schwer krank hatte er das sozial gespaltene Land wie eine Klammer zusammengehalten.

Jetzt ist er gegangen. Der ANC muss den Weg nun alleine fortsetzen und wird künftig an seinen Leistungen in der Gegenwart gemessen – und nicht mehr an der Vergangenheit.