Trauer und offene Fragen nach Geiselnahme in Australien

Australien steht nach dem tödlichen Geiseldrama von Sydney unter Schock. In die Trauer mischt sich Empörung. Hätte der Anschlag verhindert werden können? Das fragt nicht nur der Regierungschef.

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Sydney: Der Tag danach

1:37 min, aus Tagesschau vom 16.12.2014

Australiens Regierungschef Tony Abbott gedachte mit vielen anderen Australiern an einer beim Tatort spontan entstandenen Gedenkstätte der beiden getöteten Geiseln. Abbott teilte die Empörung vieler Menschen in Australien und kritisierte den früheren Umgang der Behörden mit dem Täter Man Haron Monis.

«Wie konnte jemand, der solch eine lange und kontroverse Vorgeschichte hatte, nicht auf den entsprechenden Beobachtungslisten stehen, und wie konnte so jemand völlig frei in der Gesellschaft unterwegs sein?», fragte Abbott. Monis, einer den Behörden bekannter krimineller Extremist, sei «psychisch labil» gewesen.

Er habe eine «lange Vergangenheit» gewalttätiger krimineller Taten gehabt und sei «vernarrt» in Extremismus gewesen, sagte Abbott weiter. Während der Geiselnahme vom Montag habe Monis versucht, seine Taten mit der «Symbolik des Todeskults» der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) zu untermauern.

Abbott lobte die Polizei für ihren Einsatz. Die Australier könnten angesichts der Reaktion der Einsatzkräfte beruhigt sein, sagte er.

1996 Asyl erhalten

Der Generalstaatsanwalt von New South Wales sagte, die Behörden prüften, wie der Mann «durch die Ritzen schlüpfen konnte». Als eine Reaktion auf die Geiselnahme sollen die Bestimmungen in Australien verschärft werden, unter denen Angeklagte gegen Kaution auf freiem Fuss bleiben, wie der Ministerpräsident des Bundesstaates New South Wales, Mike Baird, ankündigte.

Monis, der eigentlich Mohammed Hassan Manteghi hiess, hatte 1996 in Australien politisches Asyl erhalten. Zuletzt hatte er wegen sexueller Belästigung in mehr als 40 Fällen und Beihilfe zum Mord an seiner Ex-Frau unter Anklage gestanden, war aber gegen Kaution freigekommen.

Im vergangenen Jahr war er zudem erstmals mit einer radikalen Website gegen den US-Militäreinsatz in Irak und Afghanistan aufgefallen. Wegen Hass-Briefen an Familien australischer Soldaten, die in den zwei Ländern im Einsatz gewesen waren, wurde Monis zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Er setzte sich auch in wallenden Gewändern als selbst ernannter «Scheich Haron», Heiler mit magischen Kräften, in Szene.

Mutiges Einschreiten mit dem Leben bezahlt

Monis hatte am Montag das Café in Sydney überfallen und die Geiseln über 16 Stunden lang festgehalten. Die Polizei stürmte das Café in der Nacht, nachdem sie Schüsse gehört hatte. Der Geiselnehmer und zwei weitere Menschen wurden dabei getötet.

Nach unbestätigten Berichten versuchte der 34 Jahre alte Café-Manager dem dösenden Geiselnehmer die Waffe zu entreissen. Dabei sollen die Schüsse gefallen sein. Der 34-Jährige wurde später tot geborgen.

Ob die zweite Geisel, eine 38 Jahre alte Anwältin und dreifache Mutter, durch Kugeln der Polizei oder des Geiselnehmers starb, sollte eine forensische Untersuchung zeigen. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Unter den Opfern waren nach Abklärungen des EDA keine Schweizer Bürger.