Trauer und Spekulationen in Bayern

Statt des rhetorischen Schlagabtausches am «politischen Aschermittwoch» dominiert in Bayern heute die Trauer um die Opfer des Zugunglücks bei Bad Aibling. Gleichzeitig arbeiten rund 50 Beamte an der Suche nach der Unglücksursache. Geklärt ist mittlerweile die Identität von neun der zehn Todesopfer.

Seehofer und weitere Personen neben Blumenkränzen

Bildlegende: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer besuchte die Unfallstelle und sprach lange mit den Einsatzkräften. Keystone

  • Politiker verschiedener Parteien legen an Unfallstelle Kränze nieder
  • Ministerpräsident Seehofer würdigt Arbeit der 7000 Rettungskräfte
  • 50-köpfige Sonderkommission untersucht Unfallursache
  • Dritter Fahrtenschreiber wird noch gesucht
  • Menschliches Versagen noch nicht bestätigt
  • Alle identifizierten Opfer Männer aus der Region

Nichts ist heute in Bayern wie sonst am Aschermittwoch, wenn sich die Parteien jeweils ihren traditionell polemischen Schlagabtausch liefern. Das Zugunglück vom Dienstag eint kurzzeitig auch die Politik. «Bayern trauert», sagt Ministerpräsident Horst Seehofer.

Von der CSU reiste dafür neben Seehofer Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt erneut nach Bad Aibling. Auch Claudia Roth von den Grünen und Vertreter der SPD waren da. Gemeinsam mit Bahnchef Rüdiger Grube legten die Politiker an der Unfallstelle Kränze nieder.

Politiker besuchen Helfer und Verletzte

Hinter verschlossenen Türen sprachen Seehofer und weitere Politiker während 90 Minuten zu den Helfern von Feuerwehr, Rotem Kreuz, Bergwacht, Deutscher Lebensrettungsgesellschaft und Polizei. Rund 700 von ihnen waren seit gestern im Einsatz.

Der Ministerpräsident würdigte im Gespräch deren psychische und menschliche Belastung und liess sich ausführlich berichten, wie die Arbeit gelaufen ist, ob die Helfer auch alle Geräte und Ausrüstung hätten, die sie brauchen. Anschliessend besuchte er verletzte Opfer des Unglücks im Spital.

Sonderkommission untersucht die Ursache

Im Rathaus von Bad Aibling sind Kondolenzbücher ausgelegt, an der Mariensäule direkt davor haben die Menschen Blumen niedergelegt. Sie beschäftigt die Frage nach dem Warum. Wie konnte in Zeiten modernster Technik ein solches Unglück passieren?

Zwei Beamte mit Leuchtweseten vor den Wracks.

Bildlegende: 50 Beamten einer Sonderkommission sind mit der Unfalluntersuchung beschäftigt. Noch wird die dritte Blackbox gesucht. Keystone

Eine Sonderkommission der Kriminalpolizei Rosenheim arbeitet mit 50 Beamten unter höchster Anspannung an der Aufklärung. Doch viele neue Erkenntnisse gibt es bisher nicht: «Es steht noch nicht fest», sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann auf die Frage nach der Ursache.

Unter anderem werde in den Zugwracks noch nach der dritten Blackbox gesucht, heisst es von der Kriminalpolizei. Zahlreiche Zeugen, vor allem Fahrgäste, müssten vernommen werden.

Ermittlungen nach wie vor in alle Richtungen

Die Staatsanwaltschaft äussert sich bisher nicht zum Stand der Ermittlungen. Jedoch halten sich Berichte über einen Fehler des zuständigen Fahrdienstleiters hartnäckig. «Die Untersuchungen gehen in Richtung des Fahrdienstleiters», sagte heute ein mit den Ermittlungen Vertrauter zur Nachrichtenagentur Reuters. Die eingleisige Strecke sei für beide Züge freigegeben worden, obwohl die Systeme in solchen Fällen immer warnten.

Solche Gerüchte weist die Polizei bisher entschieden zurück, es werde weiterhin in alle Richtungen ermittelt. Der Fahrdienstleiter sei zwar vernommen worden, daraus ergebe sich jedoch noch kein dringender Tatverdacht. «Wir haben aktuell keine Erkenntnisse, ob es menschliches Versagen war oder ein technisches Problem», sagt auch Bundesverkehrsminister Dobrindt.

Alle Todesopfer kommen aus der Region

Immerhin: Neun der zehn Todesopfer sind mittlerweile identifiziert. Bei allen handelt es sich laut der Polizei um Männer im Alter zwischen 24 und 60 Jahren, darunter die zwei Lokführer sowie ein Lokführer in Ausbildung. Klar ist auch, dass es in den Trümmern keine weiteren Todesopfer gibt: «Es wird niemand mehr vermisst», sagte am Vormittag ein Polizeisprecher.

Die Bergung der Zugwracks dürfte noch mehrere Tage dauern, zumal die Arbeiten durch das Gelände erschwert werden. Die Unglücksstelle liegt in einem Waldstück an einer Hangkante, die steil zu einem Kanal abbricht. Sie ist nur schwer zu erreichen.

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Wie funktioniert das Zugsicherungssystem PZB?

1:32 min, aus Tagesschau vom 9.2.2016

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Schweres Zugunglück in Bayern

    Aus Tagesschau vom 9.2.2016

    Bei einem Zugunglück in Oberbayern sind mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen vermutlich auch die beiden Lokführer. Rund 80 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Einschätzungen von SRF-Sonderkorrespondentin Karen Naundorf aus Bad Aibling.

  • Unfallursache noch ungeklärt

    Aus Tagesschau vom 9.2.2016

    Das Zugsicherungssystem, welches genau solche Kollisionen verhindern sollte, hat in diesem Fall möglicherweise nicht funktioniert. Und dies obwohl das System erst letzte Woche kontrolliert worden war.