Trotz fehlender Sensationen: Spannende Autobiografie Clintons

Die ehemalige First Lady und US-Aussenministerin Hillary Rodham Clinton legt mit «Entscheidungen» eine Autobiografie vor. Auch wenn sie sich bezüglich der Kandidatur für die Präsidentschaft bedeckt hält: Auf 944 Seiten erzählt die Demokratin über das politische Leben im Weissen Haus.

Das Wichtigste vorweg: Obwohl ihre Autobiografie den Titel «Hard Choices» («Entscheidungen») trägt, verrät Hillary Clinton auf 944 Seiten nicht, ob sie ins Rennen ums Weisse Haus steigen wird. Doch sie lässt die Gerüchteküche weiter brodeln.

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Clintons PR-Offensive

0:45 min, aus Tagesschau am Mittag vom 10.6.2014

Seit Monaten zanken sich Kommentatoren in Washington darüber, ob die 66-jährige Frau von Ex-Präsident Bill Clinton den Willen aufbringt, als erste Frau das höchste Amt der Vereinigten Staaten zu bekleiden.

«Ob ich 2016 für die Präsidentschaft kandidieren werde», sei die Frage, die sie am häufigsten höre, schreibt die ehemalige US-Aussenministerin im Buch. «Die Antwort lautet: Ich habe mich noch nicht entschieden.»

In einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC sagte Clinton, sie werde entscheiden, wenn es für sie richtig sei. Auf Nachfrage betonte die Ex-Aussenministerin, sie werde nicht vor Ende Jahr diesen Entscheid fällen.

Auch wenn sie die Antwort auf die wohl drängendste Frage schuldig bleibt: Clintons Buch scheint schon jetzt den Weg für einen möglichen Hillary-Wahlkampf in zwei Jahren ebnen zu sollen.

Erfahrungen einer Top-Diplomatin

Das Buch ist ein fein abgestimmtes Stückwerk aus persönlichen Erfahrungen, aussenpolitischer Analyse und einem Marsch durch die Herausforderungen, mit denen Clinton in ihren vier Jahren als Top-Diplomatin unter Präsident Barack Obama zu kämpfen hatte.

In klar gegliederten Kapiteln zu Ländern (Russland, Iran, China), Regionen (Nahost, Europa, Lateinamerika) und Themen (Klimawandel, Arabischer Frühling, Menschenrechte) führt sie die Leser mit «knappen und oft gewitzten» Einschätzungen durch das politische Weltgefüge, wie die «New York Times» schreibt.

Sorry für Irakkrieg

Mit zwei äusserst unbequemen Themen räumt sie gleich zu Beginn auf – möglicherweise, um Kritikern im Fall ihrer Kandidatur das Wasser abzugraben. Es sei «ein Fehler» gewesen, im Jahr 2002 als Senatorin für den US-geführten Irak-Krieg zu stimmen, schreibt sie. «Ich handelte damals in gutem Glauben und auf Basis aller mir vorliegenden Informationen. Trotzdem lag ich schlicht und einfach falsch.»

Dieses Votum verfolgte sie noch Jahre später, als sie die Präsidenten-Vorwahl der Demokraten 2008 schliesslich an Obama abtreten musste. Bis Clinton den Fehler nun öffentlich eingestehen konnte, sind noch einmal fast sieben Jahre vergangen. Jetzt ist das Thema endlich vom Tisch.

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Clinton über die Kandidatur für die US-Präsidentschaft (englisch)

0:17 min, vom 10.6.2014

Dezente Anekdoten

Grosse Neuigkeiten sind im Wälzer nicht versteckt, dafür aber einige spannende –- und teils witzige – Einblicke hinter die Kulissen der Supermacht USA. Obama habe sie während eines Treffens in Prag etwa zur Seite gezogen und gesagt: «Hillary, ich muss mit Ihnen reden.»

Dann habe er seinen Arm um sie gelegt, sei mit ihr zum Fenster gegangen und habe ihr ins Ohr geflüstert: «Sie haben da etwas zwischen den Zähnen.» Andere Anekdoten bleiben unter Verschluss – auch zum Schutz des Präsidenten.

Dramatik während Bin-Laden-Einsatz

Der wohl dramatischste Moment ihrer Amtszeit als Chefdiplomatin war die Jagd auf Top-Terrorist Osama bin Laden. «Wir konnten nur warten, bis neue Informationen vom Team vor Ort kamen», schreibt Clinton.

«Ich blickte zum Präsidenten. Er wirkte ganz ruhig. Selten war ich so stolz darauf, an seiner Seite tätig zu sein, wie an diesem Tag.» Hier verpasst sie nicht die Chance, auch ihren eigenen Einfluss auf Obamas Entscheidung hervorzuheben.

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Clinton über ihre Zeit nach dem Weissen Haus (englisch)

0:15 min, vom 10.6.2014

Eine übergreifende, aussenpolitische Vision bietet die in Chicago geborene Hillary Rodham Clinton («HRC») in ihrem Buch nicht, vielmehr präsentiert sie sich als Pragmatikerin, die kühl abwägt und von Fall zu Fall entscheidet.

Über ihre Zeit nach der Präsidentschaft ihres Mannes sagte Hillary Rodham Clinton der ABC News, sie seien nicht nur blank aus dem Weissen Haus gegangen, sondern mit Schulden. «Wir hatten kein Geld für die Hypotheken und für Chelseas Ausbildung,» sagte Clinton weiter. Es sei nicht einfach gewesen, betonte die 66-Jährige im Interview mit dem US-Fernsehsender.

«Dieser Band ist die Arbeit von jemandem, der sich all seine politischen Optionen offenhält», resümiert die «New York Times». Die «Washington Post» nennt «Entscheidungen» ein «Kampagnen-Buch» – und fasst nach einer Analyse zusammen: «Lasst uns ehrlich sein. Hillary Clinton kandidiert für das Präsidentenamt.»

Das Buch ist seit Dienstag im Handel erhältlich.

Politiker-Dynastien

Bewunderung für Merkel

Bewunderung für Merkel

Gut weg kommt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel: «Während meiner Zeit als Aussenministerin wuchs meine Bewunderung für diese entschlossene, kluge und ehrliche Frau, die mir gegenüber nie verhehlte, was sie dachte», so Clinton. Merkel sei eine «willkommene Abwechselung zu manch anderen Staatschefs, die wirkten, als wüssten sie schon alles».