Trotz Isis-Terror – USA und Iran werden kaum Freunde

Im Irak sind die Isis-Kämpfer auf dem Vormarsch – und plötzlich sprechen der Iran und die USA wieder miteinander. Eine Meldung, die um die Welt ging. Doch ist diese Gesprächsbereitschaft der beiden Erzfeinde tatsächlich eine Annäherung? «Eine Sensation ist das noch nicht», meint der Beobachter.

Vor den Toren der zweitgrössten irakischen Stadt Mossul wachen Gotteskrieger der Isis einen Checkpoint. Vergangene Woche haben sie die Stadt eingenommen. (reuters)

Bildlegende: Die sunnitischen Krieger der Isis vor der irakischen Stadt Mossul: Sie bringen den Nachbar Iran in die Bredouille. Reuters

Iran und USA stehen vor einer Annäherung – nach 35 Jahren diplomatischem Stillstand. Eine Zäsur. Solche Zeilen konnte man in den letzten zwei Tagen lesen. Grund dafür: Gespräche zwischen Iran und USA wegen des Vormarsches der Isis im Irak, den sunnitischen Dschihadisten.

Ist diese Euphorie bezüglich einer künftigen amerikanisch-iranischen Freundschaft gerechtfertigt? «Nein, das ist keine Sensation», sagt Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent von SRF, im Gespräch mit SRF News Online.

Fakt ist: Der Iran und die USA haben in der Irakfrage schon seit vielen Jahren Kontakt. Kontakte bis teilweise auf Vize-Aussenminister-Stufe. Das gemeinsame Interesse beider Länder: die Terrorismusbekämpfung im Irak. Früher ging es um Al-Kaida-Terrorismus – den der Westen empfindlich zu spüren bekam – heute um die sogenannte Isis, Gotteskrieger, die einen «Islamischen Staat im Irak und in Syrien» aufbauen wollen.

«Weder die USA noch der Iran wollen ihr Gesicht verlieren»

Geplant sind weitere Gespräche zwischen dem Iran und den USA. Wann diese genau stattfinden, ist noch unklar. Wo indessen schon: Am Rande der Atomverhandlungen in Wien. Später wohl auch anderswo. In Wien wollen derzeit die Verhandlungspartner USA, China, Russland, Frankreich, Grossbritannien sowie Deutschland mit Teheran eine endgültige Lösung im Streit um das iranische Atomprogramm finden.

Gsteiger: «Offenbar werden aber nicht die Vize-Aussenminister miteinander reden, sondern niedrig-rangigere Diplomaten. Das wird bewusst so gehalten. Vor allem, um die Erwartungshaltung tief zu halten.» Niemand wolle einen Gesichtsverlust, denn bisherige direkte Kontakte zwischen den beiden Ländern hätten nicht zu sehr viel geführt, so Gsteiger.

«  Setzen sich die sunnitischen Islamisten im Irak durch, hat der Iran ein gewaltiges Problem »

Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent SRF

Der Terror der Isis-Kämpfer in Irak bereitet den Iranern grosse Sorgen. Grössere als den Amerikanern. «Die Iraner haben ein viel dringenderes Interesse, die sunnitischen Dschihadisten zu stoppen, als die Amerikaner», sagt Gsteiger. Denn Iraks Premier, der Schiitie Nuri al-Maliki, mache zu einem grossen Teil das, was der ebenfalls schiitische Iran wolle.

Sollte Maliki also vertrieben werden und die sunnitischen Dschihadisten die Macht übernehmen, dann wäre dies für den Iran eine ähnlich schlechte Situation wie damals, als Saddam Hussein den Irak regiert hatte. Auch Hussein war Sunnite, auch wenn ein nicht sehr gläubiger.

Gsteiger: «Setzen sich die sunnitischen Islamisten im Irak durch, hat der Iran ein gewaltiges Problem. Irak wäre plötzlich wieder Feindesland. Ein Land, mit dem Iran eine lange schwierige Geschichte hat und blutige Kriege führte. Übernehmen die Gotteskrieger die Macht, muss sich der schiitische Iran eventuell auf einen religiösen sunnitischen Diktator einstellen. Das ist eine extrem bedrohliche Situation für den Iran.»

USA als Feindbild funktioniert – in Irak und Iran

Ob Iran aber tatsächlich an einem besseren Verhältnis zu den Amerikanern interessiert ist, ist fraglich. Gsteiger: «Man muss sich darüber klar sein: Die iranische Führung braucht die USA ein Stück weit als Feindbild. Wenn das weg ist, dann gibt es im Iran selber plötzlich viele offene Fragen.»

Die Bürger im Iran könnten sich beispielsweise fragen, warum sie eine so grosse Armee brauchen, warum ein horrend teures Atomprogramm, warum sich der Iran die halbe Welt zum Feind macht, warum der Iran kein demokratischer Rechtsstaat ist. «Das Feindbild USA, das Feindbild Westen – das ist für die iranische Regierung, die Revolutionsgarden und vor allem für den religiösen Führer Ayatollah Ali Chamenei ein Legitimationsgrund», so Gsteiger.

Man müsse auch klar sehen: Die Tatsache, dass der Iran mit den USA und den anderen Ländern über das Atomprogramm spreche, bedeute noch keineswegs, dass Teheran eine echte Partnerschaft zu den westlichen Ländern anstrebe. Gsteiger: «Es geht dem Iran zunächst lediglich darum, die vom Westen und vom Uno-Sicherheitsrat auferlegten Sanktionen loszuwerden.»

Bedroht Isis den Westen?

Europa tangiert die Isis nicht – oder zumindest noch nicht. Die Isis ist nicht gleichzusetzen mit Al-Kaida. Denn: Isis will ihren eigenen Gottesstaat errichten – im wesentlichen in Syrien und im Irak. Die Al-Kaida hatte zu Zeiten von Osama Bin Laden das Ziel, Anschläge im Westen zu verüben.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • US-Präsident Obama entsandte den Flugzeugträger USS George H.W. in den persischen Golf.

    USA ist nicht länger Welt-Polizist

    Aus Echo der Zeit vom 18.6.2014

    Vielmehr als die USA ist der Iran zum Handeln im Irak herausgefordert. Dies räumt inzwischen auch Irans Präsident Hassan Rohani offen ein. Er kündigt ein militärisches Eingreifen an: zum Schutz der schiitischen Heiligtümer in Irak und zur Unterstützung der Regierung.

    Fredy Gsteiger

  • Die Brutalität der Isis

    Aus 10vor10 vom 13.6.2014

    Die radikalen Isis-Rebellen sind heute noch näher auf Bagdad zumarschiert. Die Terrorgruppen verbreiten im Irak Angst und Schrecken. Ihr Ziel ist ein kompromissloser Gottesstaat. Nur wenige haben den Mut, sich der unglaublichen Brutalität der Dschihadisten entgegen zu stellen.