Warnruf der Fachkräfte Trump verhöhnt die Wissenschaft

Der US-Präsident wird zur unberechenbaren Hypothek für Umwelt und Natur. Jetzt regt sich Widerstand – weltweit.

Video «Trump gegen die Wissenschaft» abspielen

Trump gegen die Wissenschaft

7:57 min, aus Rundschau vom 26.4.2017

Die Aussichten sind düster und Bob Johnson spricht Klartext: «Die Everglades, die Zone am südlichen Ende Floridas, wird wohl verschwinden, die meisten Tiere wie Alligatoren werden nicht mehr da sein.»

Der Leiter des Wissenschaftszentrums Süd-Floridas beschreibt ein realistisches Szenario. Um einen Meter wird das Meer in dieser Region bis im Jahr 2100 ansteigen, so die Prognosen der Wissenschaftler. Die Everglades werden mit Salzwasser überschwemmt und das einzigartig tropische Sumpfgebiet wird zerstört.

Immer wieder ist der Wissenschaftler Johnson perplex, wenn er hört, wie viele Leute in den USA nicht an die Mitschuld des Menschen am Klimawandel glauben. Und seit drei Monaten hat der Beamte mit Donald Trump einen Chef, der den Klimawandel im Wahlkampf wiederholt als Scherz bezeichnete. Den weitgehend unbestrittenen Zusammenhang zwischen vom Menschen verursachtem CO2 und steigenden Meeresspiegeln scheint er anzuzweifeln oder zumindest zu ignorieren.

Zeichen gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit

Wie Donald Trump zum Klimawandel steht, hat er in den letzten Jahren über Twitter ziemlich deutlich gemacht: «Klimawandel basiert auf fehlerhafter Wissenschaft» schrieb er zum Beispiel, oder «Der Klimawandel ist durch Nuklearwaffen verursacht» und «Der Klimawandel kommt von denselben Leuten wie Obamacare». Bisher weist nichts darauf hin, dass Trump seine Meinung als Präsident geändert hätte.

Trumps Ignoranz hat am letzten Wochenende in den USA und weltweit hunderttausende Menschen auf die Strasse gebracht. In langen «Marches for Science» («Märsche für die Wissenschaft») wollten sie ein Zeichen setzen gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit der neuen US-Regierung.

Ken Kimmel von der Gewerkschaft besorgter Wissenschaftler beschreibt die Ängste so: «Was, wenn die US-Regierung eine Kehrtwende macht, und nur noch die verrückten Wissenschaftler unterstützt, die den Klimawandel anzweifeln und versuchen, andere Gründe dafür zu finden? Was, wenn die Regierung eine Propaganda-Maschine gegen den Klimawandel wird und nichts mehr dagegen tut?»

Trumps anscheinende Ignoranz der Wissenschaft gegenüber hat konkrete Auswirkungen: Er will Regulierungen von Präsident Obama zur Reduktion des CO2-Ausstosses zurückfahren. Und damit Kohlefirmen helfen, bessere Geschäfte zu machen. Ausgerechnet als Chef der US-Umweltschutzbehörde EPA hat Trump einen ehemaligen Exponenten der sogenannten Klimalügner angeheuert: Scott Pruitt.

Mann in traditionellen Sioux-Kleidern vor Washington-Kapitol.

Bildlegende: Beim Protest der Dakota Sioux gegen die geplante Ölpipeline «Keystone XL» hat Donald Trump ebenfalls kein Gehör. Keystone/Archiv

Dieser hat sich gegen Klimaschutz-Massnahmen in den USA ins Zeug geworfen und steht der Erdölbranche nahe. In der Kernauseinandersetzung zur Klimafrage, dem Einfluss des Menschen auf den Klimawandel, sagt Pruitt: «Der Einfluss des Menschen aufs Klima nachzuweisen ist sehr schwierig, ich glaube nicht, dass er ein Haupttreiber der globalen Erwärmung ist.»

Dass der Einfluss des vom Menschen verursachten CO2 jedoch nachweisbar einen entscheidenden Effekt hat, ist für die Wissenschaft längst erwiesen. Pruitt und Trump aber setzen ihre umwelschutz-skeptische Haltung bereits um: Bei der Umweltschutzbehörde EPA wollen 30 Prozent einsparen und tausende Angestellte auf die Strasse stellen. Unter anderem auch beim EPA-Gewässerschutz in Chicago.

Widerstand aus der eigenen Behörde

Zwei Chemiker dieser EPA-Zweigstelle in Chicago haben den Mut, die Zustände innerhalb der ihrer eigenen Behörde zu kritisieren. «Dass man Wissenschafter bewusst übergeht, sie mundtot macht, damit die Wirtschaft viel Geld verdienen kann, das ist nicht neu. Aber die Ignoranz, die wir jetzt von der Regierung Trump sehen, wird unser Labor zerstören», sagt Wayne Wipple, der seit 30 Jahren im EPA-Labor in Chicago das Trinkwasser der Umgebung testet.

Demonstranten halten Schilder hoch.

Bildlegende: EPA-Mitarbeiter demonstrieren am 2. März in Chicago gegen geplante Kürzungen. 3000 Stellen sollen gestrichen werden. Reuters

Zusammen mit Frank Lagunas arbeitete er zum Beispiel notfallmässig in der Stadt Flint in Michigan, als dort bei über 100'000 Menschen bleiverseuchtes Trinkwasser aus den Hähnen kam – mit fatalen Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen.

Frank sagt, wenn die Kürzungen Trumps nur schon ansatzweise Realität würden, hätte die EPA-Chicago nicht mehr die Ressourcen, wie in Flint notfallmässig einzuschreiten. «Zu wissen, dass Leute krank werden können oder sogar sterben, nur weil Budgetkürzungen unsere Mittel einschränken – das macht mich echt fertig.»

Auch Miami Beach bedroht

Der Frust sitzt tief bei den Wissenschaftlern in den USA. Viele hoffen, dass Präsident Trump, wie in anderen Bereichen, auch in der Klima- und Umweltpolitik eine Kehrtwende einschlägt. Anzeichen dafür gibt es jedoch keine.

Menschen laufen in Badekleidern am Strand von Miami Beach, im Hintergrund Hochhäuser.

Bildlegende: Miami Beach muss sich schon jetzt vor dem steigenden Meerwasserspiegel schützen. Reuters

Derweil schaut Bob Johnson in Süd-Florida besorgt auf das Naturschutzgebiet der Everglades. Und macht deutlich: Mit der zunehmenden Klimaerwärmung verschwindet hier nicht nur ein riesiges, natürliches Lebensreservoir, auch die Menschen werden unmittelbar betroffen sein: Auch Miami und Miami Beach seien betroffen: «Wir müssen die Stadt verändern, Strassen erhöhen und Wasser zurück ins Meer pumpen.»

Tatsächlich hat alleine Miami Beach bereits 400 Millionen Dollar investiert, um die Stadt vor dem steigenden Meerwasser zu schützen. Bereits ist Salzwasser durch Kanäle in Wohngebiete gedrungen. Die Kosten, welche bei einem deutlichen Anstieg des Meeresspiegels alleine in Florida anfallen würden, gehen in die Milliarden.