Türkei bietet syrischen Flüchtlingen keine Perspektiven

Die Türkei rühmt sich gerne ihrer raschen und gastfreundlichen Aufnahme der syrischen Flüchtlinge. Doch in den vergangenen Tagen und Wochen haben Tausende das Land verlassen. Ein Zustand, an welchem die Regierung nicht unschuldig ist.

Syrische Flüchtlinge warten an der türkischen Grenze auf Einlass.

Bildlegende: Nur eine Durchgangsstation: Tausende von syrischen Flüchtlingen zieht es von der Türkei aus weiter nach Europa. Keystone

Zwei Millionen syrische Flüchtlinge hat die Türkei bislang aufgenommen und rund sechs Milliarden Dollar in die humanitäre Nothilfe investiert. Dennoch suchen Tausende von Syrern ihr Glück in Europa.

Hinter dem derzeitigen Exodus stehen mehrere Gründe: So wollen viele noch vor dem Winter die Ägäis überqueren. Zudem kursieren auch Gerüchte, dass die Türkei bald damit beginnen könnte, Flüchtlinge wieder nach Syrien abzuschieben, was von der Regierung jedoch bestritten wird. Vor allem werden aber auch die Lebensbedingungen in der Türkei immer beschwerlicher.

Lediglich geduldet

Geldprobleme und fehlende Arbeit zwingen die Flüchtlinge zur gefährlichen Überfahrt nach Europa. Viele Experten kritisieren, dass es die Türkei versäumt hat, die Menschen zu integrieren: Das Land gewährt den Syrern lediglich einen temporären Schutzstatus und erkennt sie nicht als Asylsuchende an. Die Flüchtlinge erhalten demnach keine Arbeitserlaubnis. So leben viele bei ihren Verwandten oder sind gezwungen, sich irgendwie in den Städten durchzuschlagen.

Spannungen auf dem Arbeitsmarkt

Als illegale Arbeitskräfte verdingen sich viele Syrer für Hungerlöhne auf dem Bau oder in der Landwirtschaft, was gleichzeitig die Löhne der türkischen Arbeitskräfte senkt und zu Spannungen führt. Krach gibt es auch auf dem Wohnungsmarkt, wo sich Syrer und Türken um billigen Wohnraum konkurrieren.

Momentan beschränken sich diese Spannungen noch auf das syrisch-türkische Grenzgebiet. Doch bereits heute leben alleine in Istanbul 400'000 Syrer – Differenzen sind also im ganzen Land vorprogrammiert.

Erdogans wahltaktische Vorwürfe an Europa

Trotz der ungenügenden Integration der syrischen Flüchtlinge in die türkische Gesellschaft wirft die Regierung Europa vor, die Flüchtlinge abzuwerben. Man spricht gar von einem «Sog», der die Menschen dazu bringe, ihr Leben zu riskieren.

Eine Argumentation, die sich vor allem an die türkische Öffentlichkeit richtet. Zwei Monate vor den Wahlen haben die Politiker ein grosses Interesse daran, die Leistungen des eigenen Landes zu betonen.

So vergeht kaum ein Tag, an dem Präsident Erdogan oder Ministerpräsident Davutoglu nicht davon sprechen, wie moralisch gut die Türkei in den letzten Jahren gehandelt hat und wie schlecht sich Europa in der Krise verhält.

Die verpasste Chance

Nach den vorbildlichen Leistungen bei der Erstaufnahme von syrischen Flüchtlingen hat es die Türkei aber verpasst, den Neuankömmlingen eine langfristige Perspektive zu bieten. Die gefährliche Weiterreise nach Europa nehmen viele qualifizierte Personen wie Ärzte, Anwälte oder Ingenieure auf sich. Zurück im Land bleiben weniger gut ausgebildete Leute, was laut Experten auf Dauer zum Schaden des Landes sein wird.

Die Angaben stammen aus einem Gespräch mit dem Journalisten Thomas Seibert. Er berichtet seit 1997 für verschiedene Medien aus der Türkei.

Die Glückskette ruft zu Spenden für die Flüchtlinge auf. Diese können auf das Konto 10-15000-6 (Vermerk «Flüchtlinge»), auf www.glueckskette.ch oder via App «Swiss Solidarity» überwiesen werden.