Türkische Firmen im Visier der Polizei

Tausende Lehrer, Intellektuelle, Journalisten und Staatsbedienstete standen nach dem gescheiterten Putschversuch im Visier türkischer Behörden. Jetzt gehen die Sicherheitskräfte gegen Unternehmen und ihre Manager vor, die Erdogans Erzfeind Gülen unterstützt haben sollen.

Vermummte Polizeikräfte an einem Fahrzeug

Bildlegende: Im Visier türkischer Sicherheitskräfte stehen nunmehr auch Unternehmen und ihre Manager. Reuters

Einen Monat nach dem Putschversuch in der Türkei und den anschliessenden Massenfestnahmen nimmt die Polizei zahlreiche Firmen ins Visier. Bei landesweiten Razzien seien mehr als vierzig Unternehmen durchsucht worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Darunter seien die Supermarktkette A101, die Tausende Filialen unterhält, und der Gesundheits- und Technologiekonzern Akfa. Gegen mehr als 120 Manager seien Haftbefehle ergangen.

Die türkische Führung verdächtigt die Firmen, mit der Organisation des Predigers Fethullah Gülen verquickt zu sein und sie finanziell unterstützt zu haben. Präsident Recep Tayyip Erdogan hält Gülen für den Drahtzieher des Militärputsches Mitte Juli, was dieser aber bestreitet.

Firmen-Chef festgenommen

Die Supermarktkette A101 teilte mit, die Steuerfahndung habe die Firmenzentrale in Istanbul sechs Stunden lang durchsucht. Man arbeite mit den Behörden zusammen, die Geschäfte liefen weiter. A101 erklärte, der Konzern habe keine «Geschäfts-, Finanz- oder Handelsbeziehungen» zu irgendeiner illegalen Gruppe.

Allerdings sei die heute nicht mehr bestehende Bank Asya Anteilseigner der Kette gewesen. Die Asya-Bank war von Anhängern Gülens gegründet worden, wurde später von den Behörden konfisziert und wird derzeit abgewickelt.

Die Nachrichtenagentur Dogan meldete, A101-Chef Turgut Aydin sei in seinem Haus am Schwarzen Meer festgenommen worden. Aydin und seine Familie sind Mehrheitseigner der Memorial-Krankenhaus-Gruppe. Rund 36'000 Menschen arbeiten für Aydins Unternehmen.

Pro-kurdische Zeitung geschlossen

Auch beim Konzern Akfa gab es Medienberichten zufolge Razzien und rund 50 Festnahmen. Das Unternehmen war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Präsident Erdogan hatte umgehend nach dem Putschversuch von Teilen des Militärs weitreichende «Säuberungen» angekündigt. Sie richteten sich bereits gegen Polizei, Militär, Verwaltung, Justiz, Bildungswesen und Medien. Mehr als 130 Zeitungen und andere Medien wurden geschlossen, am Dienstag die pro-kurdische Zeitung «Özgür Gündem».

Gerichtsgebäude erneut durchsucht

In Istanbul durchsuchten Polizisten die Büros in einem Gerichtsgebäude. Sie seien mit Namenslisten gekommen und fahndeten nach Beschäftigten, die festgenommen werden sollten, sagte ein Mitarbeiter.

Erst am Vortag waren Medienberichten zufolge drei Gerichtsgebäude in Istanbul durchsucht und mehr als 130 Beschäftigte festgenommen worden. Insgesamt wurden laut Regierung bislang mehr als 35'000 Menschen festgenommen, gegen rund die Hälfte von ihnen erging Haftbefehl. Zehntausende Angehörige von Militär, Verwaltung, Justiz und Bildungswesen wurden entlassen.

Ankündigung von Erdogan

Anfang August hatte Erdogan angekündigt, die Regierung werde türkischen Unternehmen alle Geschäftsbeziehungen zu Firmen untersagen, die mit Gülen verbunden seien. Gülen hat den Putschversuch verurteilt und erklärt, er sei nicht darin verwickelt. Seit 1999 lebt er im selbst gewählten Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania. Seine Organisation versteht sich als vom Islam inspirierte soziale Bürgerbewegung.

Die Türkei verlangt von den USA die Auslieferung Gülens. Darüber berieten der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu und sein US-Kollege John Kerry. Die USA fordern aber juristisch eindeutige Beweise, dass Gülen mit dem Putschversuch etwas zu tun hat, bevor sie auf den Auslieferungsantrag reagieren.