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International Ukrainer in der Schweiz: «Moskau wollte nicht gestört werden»

Über 70 Tote innert zwei Tagen: Die Lage in der Ukraine ist eskaliert. Dass es erst gegen Ende der Olympischen Spiele so weit kam, sei kein Zufall, sagt Orest Fil. Der Ukrainer lebt in der Schweiz und steht über Skype und Internet in engem Kontakt mit seinen Landsleuten. Ein Gespräch.

Legende: Video Kiew: Reportage aus dem Ausnahmezustand abspielen. Laufzeit 03:00 Minuten.
Aus 10vor10 vom 20.02.2014.

In der Ukraine haben die Ereignisse Anfang Woche eine dramatische Wendung genommen. Regierungen und Organisationen rund um den Globus sind besorgt und appellieren an Präsident Viktor Janukowitsch, die Gewalt zu beenden. Auch die ukrainische Diaspora in der Schweiz hat Angst um ihre Familien und Freunde in der Heimat, wie Orest Fil sagt. Der Vizepräsident des Ukrainischen Vereins in der Schweiz wuchs in Deutschland auf, lebt heute in der Schweiz und hat immer noch Familie in der Westukraine.

Polizisten verhaften einen Demonstranten in Kiew zurück.
Legende: Die ukrainische Regierung versucht, die Opposition mit Waffengewalt zum Schweigen zu bringen. Keystone

SRF: Haben Sie die aktuelle Eskalation kommen sehen?

Orest Fil: Leider ja. Man konnte voraussehen, dass die Eskalation während der Olympischen Spiele eben nicht kommt. Das war so gesteuert. Aber gegen Ende oder nach den Spielen haben wir das erwartet. Wir wissen, welche Leute in der Ukraine an der Macht sind. Wir wissen auch, dass sie sehr gute und enge Verbindungen mit Moskau haben. Dass Russland während der Spiele nicht gestört werden wollte, war klar: Also ist die Eskalation erst nachher gekommen.

Sie haben viele Freunde und Verwandte in der Ukraine. Was bekommen Sie von Ihnen mit?

Inzwischen bekomme ich Hilfe-E-Mails. Ich erhalte auch Beschreibungen davon, was in der Ukraine alles abgeht und welche Leute bewaffnet werden. Ganze Kommunikationswege werden jetzt blockiert, damit den Demonstranten keine Hilfe geliefert werden kann. Man versucht, die Demonstrationen mit Waffengewalt niederzuschlagen.

Haben Sie Angst um ihre Freunde?

Leider ja, sehr viel Angst. Das Schlimmste, was sie mir geschrieben haben: Sie haben keine Angst davor, was passiert während sie kämpfen. Sie haben Angst davor, was passiert wenn der Kampf aufhört. Erst dann zeigt sich die volle Brutalität des Regimes.

Der Osten der Ukraine ist gegen Russland ausgerichtet, der Westen gegen Europa. Welche Rolle spielt Russland in diesem Konflikt?

Sie haben das gesehen, als Russland kurzzeitig die Grenzen geschlossen hatte. Es wollte die Ukraine erpressen, damit sie die europäische Assoziation nicht unterschreibt. Diese Rolle spielt die russische Regierung. Vor zwei Tagen hat sie Janukowitsch – glaube ich – zwei Milliarden Dollar zukommen lassen. Da sieht man genau, was Moskau macht. Kurz nachdem diese zwei Milliarden Dollar überwiesen wurden, fing die Eskalation an.

Geht es bei dem Konflikt nur um ein Ost-West-Problem?

Es ist ganz bestimmt auch ein Generationen-Problem. Die junge Generation, die seit 20 Jahren die Möglichkeit hat, sich zu informieren, ist ganz anders eingestellt als die sowjetische Generation, die während der Diktatur aufgewachsen ist. Die Leute, die an der Macht sind, gehören zur alten Generation. Die Jungen wollen mehr Freiheit. Das können Sie sehen im Osten der Ukraine: Alle, die dort demonstrieren, sind junge Leute. Sie wissen, was im Westen geschrieben wird, wie man dort lebt und sie haben den Westen besucht. Das haben die Alten nicht.

Könnte es in der Ukraine zu einem Bürgerkrieg kommen?

Das glaube ich weniger. Zu einem Bürgerkrieg gehören zwei Parteien, die sich wegen einer Ideologie bekriegen. Das gibt es in der Ukraine nicht. Es gibt einen Widerstand gegen die kriminelle Vereinigung, die unser jetziger ukrainischer Präsident führt. Ich sage «kriminelle Vereinigung», weil sie mit kriminellen Methoden arbeitet. Da einen Bürgerkrieg zu konstruieren, wird man nicht können. Da müsste etwas anderes geschehen. Aber der Widerstand gegen den Präsidenten und seine Leute, der wird bleiben – bis Janukowitsch geht.

Das Interview führte Patrick Mühlhauser

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Eddy Dreier, Burgdorf
    Wählt, wählt aber nur so, das es dem Westen passt. Wenn es ihm nicht passt, dann wählt nochmals. Und nochmals. Und wenn ihr dann noch nicht richtig gewählt habt, dann versinkt im Bürgerkrieg, wo man euch eine gerechte Regierung installiert. Immer dasselbe. Und solche Artikel geben immer den Hauch, als wäre es halbwegs legitimiert.
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  • Kommentar von Savo Pavlovic, Bosnien und Herzegowina
    Wenn ich das lese:"Man konnte voraussehen, dass die Eskalation während der Olympischen Spiele eben nicht kommt. Das war so gesteuert. Aber gegen Ende oder nach den Spielen haben wir das erwartet",bekomme ich den Eindruck,dass es geplant war,die Situation während der Olympischen Spiele esakalieren zu wollen.
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Savo Pavlovic, Bosnien und Herzegowina - Die Ukraine ist zwischen die Fronten geraten und sind längst zum Spielball der "Grossen und Mächtigen" geworden. - Es ist keine Kunst ein Land zu destabilisieren, insbesondere, Länder die wohlstandsmässig hinterher hinken. Das weiss man in der CIA, bei der EU als auch im KGB bestens. - Wir haben einen *neuen Kalten Krieg", der vor unseren Augen abläuft. Eis also nur noch ein Frage der Zeit, bis die Waffen das Sprechen wieder übernehmen.
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  • Kommentar von Markus Guggisberg, Busswil
    Wie kommen die Minister der Deutschlands und Frankreichs dazu, der Ukraine drohen zum wollen? Wollen sie etwa die gescheiterten Werke Napoleons und Hiltlers vollenden, statt sich um ihre eigenen Probleme zu kümmern !!!
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Haben sie überhaupt das Interview gelesen? Es ist ein grosser Teil der Bevölkerung unzufrieden mit den Verhältnissen.
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    2. Antwort von lorenz bertsche, arbon
      Es geht schon in diese Richtung Herr Guggisberg. Herr Planta eine Frage; in welchem Land gibt es keine unzufriedenen? Auch in der EU, selbst im wohlstandsland Schweiz. Es kommt doch darauf an wie man mit der Unzufriedenheit umgeht. Ich wünsche ihnen beiden einen angenehmen und glücklichen Tag
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    3. Antwort von Albert Planta, Chur
      Ich glaube nicht, dass in der Schweiz derart grosse Massen an Unzufriedenen mobilisiert werden können. Aber man kann immer alles verniedlichen und relativieren. Nichtdestotrotz hoffe ich auf eine Lösung im Sinne des ukrainischen Volkes.
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    4. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Albert Planta, Chur - Das da mit dem mobilisieren von Unzufriedenen, wäre auch in der Schweiz möglich und wurde übrigens auch schon öfters praktiziert im kleinerem Rahmen. - Sie sehen also, plebiszitäre Elemente der direkten Demokratie haben einen Sinn, ohne diese bleibt für die Unzufriedenen nur noch die Gewalt auf der Strasse. Sie können dies nicht nur in der Ukraine sehen, ein Blick auf die EU reicht da schon aus.
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    5. Antwort von Christina Bernegg, Horw
      @Markus Guggisberg,2.Versuch,werde mich jetzt kurz halten.Ich bin ganz genau auch ihrer Meinung.Ich speichere meine Kommentare und weiss nicht was jetzt wieder nicht gepasst hat.
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    6. Antwort von Peter Stampfli, Bangkok
      Bin ganz der Auffassung von Herrn Guggisberg! Interessant ist in diesem Zusammenhang der Beitrag auf You Tube "das 4.Reich". Dies alles im Interesse der USA? In Ergänzung dazu die andauernden Drohungen des Herrn Barroso gegenüber der CH.
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