Ukrainische Aktivistin rüttelt an Tabu

Sexualisierte Gewalt ist ein Problem in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, über das oftmals nicht gesprochen wird. Die ukrainische Aktivistin Anastasia Melnitschenko hat in diesem Sommer das Schweigen gebrochen. Die Folge: ein regelrechter Sturm in den sozialen Medien.

Lächelnde Frau mit einem Handy in der Hand.

Bildlegende: Sie machte sexuelle Gewalt in Russland und der Ukraine zum Thema: Die 31-jährige Aktivistin Anastasia Melnitschenko. Keystone

«Ich habe keine Angst, es zu sagen» – unter diesem Hashtag, #‎ЯнебоюсьСказать ‪(russisch) #‎ЯнебоюсьСказати (ukrainisch), hat die ukrainische Aktivistin Anastasia Melnitschenko das Schweigen der Frauen über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt im postsowjetischen Raum gebrochen.

Auf Facebook schrieb sie: «Hier wird nicht der Täter beschuldigt, sondern man sucht gleich nach Vorwänden, um das Opfer zu beschuldigen: Was hat die Frau falsch gemacht?» Sie schilderte weiter, wie sie selbst bereits als Mädchen Opfer von sexualisierter Gewalt wurde.

Tausende Frauen antworteten

Auslöser der Kampagne war für Melnitschenko eine Online-Diskussion, in der einem Vergewaltigungsopfer gesagt wurde, dass es selbst Schuld sei. Dagegen wollte sich die Ukrainerin wehren und mit dem Hashtag anderen Frauen Mut machen, über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Tausende Frauen aus Russland und der Ukraine haben sich Melnitschenko angeschlossen und von ihren Erfahrungen berichtet.

Die Schilderungen der Betroffenen reichten von Missbrauchserfahrungen im Kindesalter, zu traumatischen Erlebnissen in der Schul- und Studienzeit bis zu Vergewaltigungen durch Bekannte.

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Untergang der UdSSR – die Rolle der Frauen

5:30 min, aus 10vor10 vom 29.7.2016

Tabuisierung von Privatem

Mit einer solch grossen Resonanz hatte die Initiantin nicht gerechnet. Die Kampagne wurde von Medien aufgegriffen und weitergeführt. So sprachen Frauen offen über ihre Erfahrungen insbesondere mit häuslicher Gewalt. Und viele von ihnen erzählten, dass Gewalt in ihrem Umfeld ein Tabu sei.

Die Psychologin Ljudmila Petranovskaya erklärt sich dieses Verschweigen von häuslicher Gewalt mit dem tiefverwurzelten Konzept von Ehe in Russland, das auch heute noch fortbestehe: «Es ist schwierig, Leuten, die in einer solchen Tradition gross geworden sind, zu erklären, was Vergewaltigung in der Ehe überhaupt bedeutet. Für sie macht dieser Ausdruck keinen Sinn.»

Das russische Sprichwort: «Schlägt er dich – so liebt er dich!» wird als allgemein gültige Wahrheit akzeptiert. Ein Gesetz, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt, gibt es in Russland nicht. So erstaunt es wenig, dass sich in Russland nur 12 Prozent aller Opfer sexualisierter Gewalt bei der Polizei melden. Wie das Krisenzentrum für häusliche Gewalt in Moskau schätzt, sterben jedes Jahr rund 14‘000 Frauen wegen Missbrauch durch ihre Ehemänner oder engen Familienangehörigen.

Vorwürfe von Männern

Für Melnitschenko liegt die Wurzel sexualisierter Gewalt in der Objektivierung der Frau: «Fragen sich Männer jemals, wie es ist, in einer Atmosphäre aufzuwachsen, in der du wie Fleisch behandelt wirst? Jeder fühlt sich berechtigt, über dich zu verfügen.» Einzelne Medien stimmten der Aktivistin zu. Die Reaktionen auf die Kampagne waren jedoch auch gerade in den sozialen Medien sehr durchzogen.

So gab es Vorwürfe, mehrheitlich von Männern, die Schilderungen seien grösstenteils erfunden. Oder die Frauen hätten sich selbst nicht unter Kontrolle gehabt. Trotzdem sieht Melnitschenko die Kampagne als Erfolg: «Es gab diese Diskussion, wie immer man sie auch bewerten mag.

Es hat sich herausgestellt, dass man es sich nicht mehr leisten kann, sexistische Ansichten zu teilen, wenn man eine Person in der Öffentlichkeit ist» Ob diese auf die Ukraine bezogene Einschätzung ebenfalls für Russland ihre Gültigkeit hat, scheint jedoch fraglich.