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International «Umweltschutz ist nicht der oberste Punkt auf Italiens Agenda»

Seit Wochen herrscht in norditalienischen Städten dicke Luft: Die Feinstaubwerte liegen ständig über den Grenzwerten. Die Behörden haben die Massnahmen gegen Smog zwar ausgedehnt. So dürfen Autos nur noch zu bestimmten Zeiten benutzt werden. Doch das reicht nicht, sagt Kirstin Hausen.

Einsame Fahrradfahrerin vor der Porta Venezia in Mailand. Keine Autos auf der Strasse.
Legende: Wichtiger als Fahrverbote wäre es, die Häuser zu isolieren und die Industrieemissionen zu drosseln. Keystone

SRF News: Bis morgen gilt in Mailand ein temporäres Fahrverbot. Hat sich die Lage schon spürbar verbessert?

Kirstin Hausen: Nein. Das Fahrverbot gilt erst seit gestern. Und es ist auch nur ein Fahrverbot von 10 bis 16 Uhr. Das heisst, es betrifft nicht die Hauptverkehrszeit. Man hat dafür sorgen wollen, dass die Leute morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause kommen. Die Staus gibt es hier um 8 und um 18 Uhr. Die Luft ist einfach schlecht. Man spürt ein Kratzen im Hals. Wer viel draussen ist, hat einen trockenen Reizhusten. Apotheken haben eine riesige Nachfrage nach Inhalationsgeräten und nach allem, was dazu beiträgt, die Atemwege zu beruhigen. Es handelt sich wirklich nicht um eine Lappalie, sondern um ernstzunehmende Symptome. Die WHO hat bereits festgestellt, dass in Italien überdurchschnittlich viele Leute an den Folgen von Smog sterben.

Diesen Winter ist es extrem: Kein Wind, kein Regen. Es sitzt eine geschlossene Glocke über der Stadt.

Wie reagieren die Italiener auf das Fahrverbot? Halten sie sich daran?

Gestern wurden insgesamt 348 Bussen verteilt. Und ich muss sagen, die Strassen sind leergefegt. Die Leute halten sich daran. Sie spüren, dass es diesen Winter extrem ist, auch durch die Wetterlage: Kein Wind, kein Regen. Es sitzt eine geschlossene Glocke über der Stadt. Insofern ist den Leuten klar, dass etwas passieren muss – trotz der massiven Mobilitätsprobleme, die mit dem Fahrverbot noch hinzukommen. In der Stadt geht es ja noch. Man kann mit der Metro fahren oder mit dem Bus. Aber wenn man wie ich gestern von Mailand ins Umland muss, dann ist man drei- bis viermal länger unterwegs als mit einem privaten PKW.

Fahrverbote sind das eine. Was gibt es sonst noch für Massnahmen gegen den Smog?

Es gibt drei grosse Auslöser: Der Autoverkehr, die Industrie – die Lombardei ist Standort von vielen Fabriken, und deren Produktion in der sowieso kriselnden Wirtschaft zu drosseln, ist nicht unbedingt eine gute Lösung. Der dritte Auslöser sind die veralteten Heizsysteme in den Gebäuden. Die Mailänder Stadtverwaltung hat zu deren Modernisierung zumindest in den vergangenen Jahren schon einiges gemacht. Aber Privathaushalte haben oft noch Heizsysteme, die sehr umweltschädigend sind. Die Abgase werden alle ungefiltert in die Luft gepustet. Dass das so nicht weitergehen kann, ist den meisten Menschen hier klar.

Die regierende Lega Nord engagiert sich vor allem gegen Flüchtlinge, nicht gegen Smog.

In Mailand wurden die Feinstaubgrenzwerte gestern zum 98. Mal in diesem Jahr überschritten. Man hat aber nicht den Eindruck, dass die Regierung vorwärts macht. Warum nicht?

Für die Zentralregierung in Rom ist der Umweltschutz nicht der oberste Punkt auf der Agenda. Das Problem wird gern auf die Regionen abgewältzt, die in dem Bereich die Kompetenzen haben. Die Region Lombardei, die vom Smog am stärksten betroffen ist, wird von der Lega Nord regiert. Und die engagiert sich vor allem gegen Flüchtlinge, nicht gegen Smog. Das Thema ist von den politischen Akteuren hier wirklich verschlafen worden. Der Mailänder Bürgermeister, der zu einer politisch links-orientierten Fraktion gehört, ist gestern auf einer Pressekonferenz auch ziemlich deutlich geworden: Er sagte, es herrsche keine Kooperationsbereitschaft von Seiten der Regionalregierung. Der Smog mache nicht an der Stadtgrenze von Mailand halt. Es brauche umfassende Massnahmen. Wir werden sehen, ob nun endlich etwas passiert.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Kirstin Hausen

Die freie Journalistin lebt und arbeitet seit 1998 in Mailand. Zu ihren Auftraggebern gehören zahlreiche deutschsprachige Radiosender. Ab und an schreibt sie auch für das «Handelsblatt». Sie hat in Bonn und Pavia studiert.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von A Züger (zua)
    Die grosse Zahl an Arbeitslosen, insbesondere die 40% der Jungen, sehen das sicher auch so, dass nun Umweltthemen endlich oberste Priorität bekommen und möglichst viel einschneidende neue Gesetze gemacht werden. Das wird ihre jahrelangen Probleme und Enttäuschungen sicher lösen. ;-)
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  • Kommentar von F. Spälti (spf)
    So lange immer nur von Klimaschutz geschwafelt wird, bleibt der Umweltschutz auf der Strecke.
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  • Kommentar von Raphael Zahnd (raphael.zahnd)
    Wieso dieser Artikel? Zuerst sollten wir handeln und danach können wir vieleicht anderen Helfen. Blos mit dem Finger auf andere Zeigen finde ich schwach. Wir haben noch einiges zu tun in der Schweiz betreffend Klimaschutz. Steht auf liebe Bürger und zeigt den Politikern das wir es besser können. Es braucht dazu keine unötige Gesetze wenn wir mehr Verantwortung tragen würden.
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