Ungarische Kirchen zeigen wenig Barmherzigkeit

Menschenfreundlicher Umgang mit Fremden ist ein wesentliches Kennzeichen des Christentums. Gerade die Kirchen sollten sich also während der anhaltenden Flüchtlingskrise für die Schwachen einsetzen. In Ungarn sei dem nicht so, sagt der HEKS-Mitarbeiter Matthias Herren.

Zwei Männer überqueren mit einem Baby die Grenze nach Ungarn.

Bildlegende: In Ungarn können Flüchtlinge keine grosse Hilfe von den Kirchen erwarten. IMAGO

SRF News: Wie stehen die protestantischen Kirchen in Ungarn zur rigorosen Abschottungspolitik der Regierung?

Matthias Herren: Die reformierte Kirche verhält sich eher still – insbesondere die Kirchenleitung. Der leitende Bischof ist erst seit Anfang dieses Jahres im Amt und scheint noch etwas unsicher zu sein. Er ist aber auch bekanntermassen relativ nah bei der Regierung. An der Basis sieht es etwas anders aus: Hier gibt es sehr engagierte Gruppierungen und auch Einzelpersonen, die teilweise starken Druck auf die Kirchenleitung ausgeübt haben. Sie haben gefordert, dass die Leitung sich beispielsweise kritisch gegenüber dem Grenzzaun zu Serbien aussprechen solle – allerdings erfolglos.

«  Der Bischof von Szeged sprach von einer Invasion. »

Ist denn die katholische Kirche eher auf Konfrontationskurs mit der Flüchtlingspolitik Ungarns?

Nein, das ist sie auch nicht. An der Bischofskonferenz im Herbst war die Flüchtlingsthematik überhaupt nicht auf der Traktandenliste. Der Präsident der Konferenz wies bloss darauf hin, dass die Kirche überall dort diskret Hilfe leiste, wo es nötig sei. Deutlich wurde der Bischof von Szeged: Er sprach sogar von einer Invasion und kritisierte den Papst, dass er gar nicht verstehe, worum es bei dieser Flüchtlingsproblematik gehe. Es gibt aber auch einen katholischen Bischof im Norden, der sich sogar für die Politik seiner Kollegen schämt und sich für mehr Hilfe für die Flüchtlinge einsetzt.

«  Die Flüchtlinge sind für die Regierung Orban nicht einfach Menschen, sondern Araber. »

Von Einzelfällen abgesehen wollen es sich die Kirchen also mit der Regierung Orban nicht verscherzen. Wie ist das zu erklären?

Fremde oder Ausländer sind in Ungarn sozusagen inexistent – die Ausländerquote beträgt 1,4 Prozent. Die Leute in Ungarn sind es sich eher gewohnt, dass man auswandert, als dass jemand zu ihnen kommen will. Hinzu kommt auch eine historisch begründete Angst vor den Arabern: Bis Ende des 17. Jahrhunderts waren die Türken während fast 150 Jahren in ungarischen Ländern präsent. Das steckt den Leuten zumindest historisch immer noch stark in den Knochen. Auch die Regierung spielt mit dieser Tatsache. Die Flüchtlinge sind für sie nicht einfach Menschen, sondern Araber. Mit ihnen werden die Türken und eine relativ gewaltvolle Herrschaft assoziiert. Da ist man natürlich dagegen und will nicht eine fremde Religion oder gar Feinde im Land willkommen heissen.

Ist diese kirchliche Loyalität typisch für Ungarn?

Nein, das war sie ursprünglich gar nicht. Besonders während der sozialistischen Zeit war der Staat mehr oder weniger ein feindliches Gegenüber zu den Kirchen. Mit dem Regierungsantritt von Viktor Orban änderte sich dies. Beispielsweise liest sich die Verfassung wie eine Kirchenordnung. Das Christentum wird dort als die tragende Kraft der Nation Ungarn beschrieben. Anfangs fühlte sich die Kirche sehr verstanden. Unterdessen gibt es verschiedene kritische Stimmen, die sich absetzen wollen. Die Mehrheit der Kirchen, insbesondere die Kirchenleitungen, ist aber sehr loyal zur Regierung. Jedoch sind sind sie auch mit ihren sozialen Projekten und Schulen stark finanziell abhängig vom Staat. Man beisst nicht gerne in die Hand, die einen füttert.

Das Gespräch führte Martin Lehmann.

Matthias Herren

Pfarrer Matthias Herren ist Projektverantwortlicher für Ungarn beim Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS).