«Unter den Dschihadisten sind viele verfettete Weichlinge»

Kriegsreporter Kurt Pelda ist der Meinung, dass der Westen den Islamischen Staat überschätzt. Die Erfolgsmeldungen der Dschihadisten seien nicht für bare Münze zu nehmen.

Syrer begutachten den Schaden an einem zerbombten Haus

Bildlegende: Menschen betrachten in Aleppo die Zerstörung nach einem Flugangriff des Assad-Regimes. Keystone

SRF Online: Sie sind im Moment im syrisch-türkischen Grenzgebiet, wo der islamische Staat (IS) auf dem Vormarsch ist. Wird es der IS schaffen, auch die einstige Rebellenhochburg Aleppo einzunehmen?

Kurt Pelda: Erst einmal möchte ich klarstellen, dass sich der Vorstoss des IS nicht gegen die Stadt Aleppo richtet, auch wenn das in Medienberichten immer wieder zu lesen war. Im Visier der Dschihadisten steht vielmehr Azaz, eine Stadt an der türkischen Grenze in der Provinz Aleppo. Zweitens ist es falsch zu glauben, dass der IS immer nur Erfolge feiert. Gegen die syrischen Kurden der PKK haben sie einige Kämpfe verloren. Wenn man sich die Videos der Dschihadisten anschaut, sind darunter ganz viele verfettete, verweichlichte Secondos aus dem Westen. Diese können es niemals mit den kriegserprobten kurdischen Kämpfern aufnehmen.

Dann ist der Islamische Staat gar nicht so gefährlich, wie er scheint?

Natürlich hat der IS viele starke Kämpfer: Da sind Dschihadisten aus Tschetschenien dabei und Iraker, die gegen die USA gekämpft haben. Aber viele Kämpfer sind Etappenhengste, die unter dem Deckmantel der Religion ihre Brutalität ausleben. Der Westen überschätzt den IS gewaltig – auch deswegen, weil aus Gebieten des IS keine unabhängige Berichterstattung möglich ist.

Haben Sie selber schon Dschihadisten getroffen?

Ich habe mit einigen von ihnen zu tun gehabt, als sich die Gruppe noch nicht ISIS oder IS nannte. Darunter waren Tschetschenen, Franzosen, Algerier, ein Deutscher – man schätzt, dass bei den Dschihadisten Männer von 80 Nationalitäten dabei sind.

Was ist ihre Motivation?

Am Anfang steht immer ein Diktator, der sein Volk knechtet und foltern lässt. Grossen Auftrieb erhielt der Dschihadismus vor einem Jahr, als Assad seinen Giftgas-Angriff startete. Das brachte tausende Islamisten nach Syrien.

Zurück nach Aleppo: Noch ist die Stadt nicht in den Händen des IS. Dennoch sieht es für die Kämpfer der Freien Syrischen Armee nicht gut aus.

Die Stadt ist von den Truppen des syrischen Präsidenten Assad fast eingeschlossen. Um die Stadt den Rebellen zu entreissen, hat Assad seine besten Leute geschickt: Kämpfer des Hisbollah und aus Iran – in anderen Worten, Söldner. Dass der IS gegen diese starken Truppen vorgeht, ist unwahrscheinlich. Vielmehr versuchen die Dschihadisten, den Rebellen den Nachschub aus der Türkei abzuschneiden.

Dann ist die Lage für die syrischen Rebellen hoffnungslos?

Nicht ganz. Denn aus Angst vor den IS-Schergen sind die Salafisten und Kämpfer der Al Kaida geflohen. Gleichzeitig sind Araber und Kurden ins Gebiet gereist, um gegen den IS zu kämpfen. Damit öffnet sich möglicherweise die Tür für Waffenlieferungen aus den USA. Diese hatten sich bisher geweigert, die Rebellen auszurüsten aus Angst davor, dass die Waffen am Ende den Islamisten in die Hände fallen.

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Amerikanischer Journalist von IS enthauptet

2:20 min, aus Tagesschau vom 20.8.2014

Araber und Kurden kämpfen gemeinsam gegen den IS?

Ja, es hat eine Solidarisierung stattgefunden. Diese Gegenbewegung darf man nicht unterschätzen.

Wie denken die Leute in Aleppo über den IS?

Was die Leute in den Gebieten denken, die vom IS kontrolliert werden, weiss man nicht: Es ist unmöglich, sich davon ein Bild zu machen. Nach aussen hin verbreitet der IS die Botschaft, dass alle Bürger die Dschihadisten begrüssen. Und es ist durchaus möglich, dass einige dieser Meinung sind, weil die Extremisten Ruhe und Ordnung schaffen. Nur ist der Preis dafür sehr hoch: Wer anders denkt oder einer anderen Religion angehört, wird hingerichtet. Dasselbe gilt für Diebe oder Mörder.

In den Gebieten, die unter Kontrolle der Rebellen sind, findet sich kaum jemand, der den IS gut findet. Allerdings sind die Leute auch hier vorsichtig mit ihren Äusserungen: Der IS hat ein riesiges Netz von Spionen, die auch in Rebellengebieten aktiv sind. Auch bei den Unterstützern von Assad gibt es niemanden, der den IS willkommen heisst. Alle wissen, dass es ein Massaker geben wird, falls die Dschihadisten kommen.

Der amerikanische Journalist James Foley

Bildlegende: Der amerikanische Journalist James Foley war vor 2 Jahren in Syrien entführt worden. Keystone

Am Dienstagabend ist bekannt geworden, dass der amerikanische Journalist James Foley vom IS ermordet wurde. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Ich war traurig und wütend. Meine erste Reaktion war: Das ist einer von uns, er hat einfach weniger Glück gehabt als ich.

Hat Ihnen die Nachricht nicht auch Angst gemacht?

Nicht am Dienstag, nein. Vielmehr habe ich es vor zwei Jahren mit der Angst zu tun gekriegt, als Foley entführt wurde. Ich habe mein Reiseverhalten entsprechend angepasst. In Syrien bin ich seither nur noch mit einer grossen Gruppe von Kämpfern unterwegs oder mit Bodyguards. Und ich bleibe stets in Bewegung und maximal fünf Tage vor Ort. Foley war damals zwei Wochen alleine unterwegs, sein einziger Begleiter war ein unbewaffneter Taxi-Fahrer. Aber so traurig die Nachricht von Foleys Tod ist: Es ist irrational, jetzt in Panik zu verfallen. Damit belohnt man nur die IS-Propaganda.

Dennoch: Führen Nachrichten wie die Enthauptung von James Foley nicht dazu, dass keine unabhängigen Journalisten mehr aus dem Kriegsgebiet berichten?

Das ist schon jetzt der Fall. Ins Gebiet unter der Kontrolle des IS kann niemand gehen. Und sogar nach Syrien zu reisen, ist mit grossen Risiken verbunden – die meisten Fernsehstationen berichten schon gar nicht mehr von vor Ort. Und wenn sich doch einmal ein Team der BBC nach Aleppo wagt, treffen sie grosse Sicherheitsvorkehrungen und bleiben sehr kurze Zeit. Da ist die Gefahr sehr gross, dass man falsch informiert und mit Halbwahrheiten gefüttert wird.

«  Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Islamische Staat Anschläge im Westen ausführen wird. »

Kurt Pelda
Kriegsreporter

Was motiviert Sie, regelmässig in eines der gefährlichsten Gebiete der Welt zu reisen?

Ich bin der Meinung, dass man etwas gegen die Leute des IS unternehmen muss. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Syrer und Journalisten einfach so ermordet werden, ohne dass etwas geschieht. Seit zwei Jahren wiederhole ich, dass Syrien für Europa einer der gefährlichsten Konflikte ist. Von Anfang an war klar: Wenn die Leute wie in Syrien verzweifelt sind und von niemandem Hilfe bekommen, entsteht ein Vakuum – und das wird die Al Kaida ausnützen. Mit seiner Brutalität hat es der IS sogar geschafft, die Al Kaida in den Schatten zu stellen. Heute konkurriert der IS mit der Al Kaida um die Vorherrschaft unter den Dschihadisten. Und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der IS Anschläge im Westen ausführen wird. Das ist der einzige Bereich, in dem der IS Al Kaida noch hinterherhinkt.

Der Krieg in Syrien bedroht also auch Europa. Dennoch scheint die Syrienkrise die Schweizer seltsam kalt zu lassen.

Der Grund dafür ist, dass die Unterdrückten in Syrien in erster Linie Muslime sind. Kaum gingen die Nachrichten von bedrohten irakischen Christen oder Jesiden um die Welt, hat die Welt reagiert. Für die bis zu 300‘000 Toten in Syrien interessiert sich hingegen kaum jemand. In den Augen des Westens ist ein muslimisches Leben deutlich weniger wert als das Leben eines Christen.

Kurt Pelda

Kurt Pelda

Der Schweizer Kurt Pelda arbeitet seit 30 Jahren als Kriegsreporter. Er berichtet unter anderem für SRF, «Spiegel» und «Weltwoche» von den Brennpunkten dieser Welt – darunter Afghanistan, Libyen und Syrien.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Viele ziehen in den Dschihad, um zu sterben. Maskierte Kämpfer des Islamischen Staats IS.

    Westliche Killer im Namen Allahs und der Gerechtigkeit

    Aus Echo der Zeit vom 21.8.2014

    Hunderte westlicher Muslime ziehen in den Dschihad und schliessen sich den brutalen Kämpfern des Islamischen Staats IS an. Wie kommen diese jungen Männer dazu, einem Steinzeit-Islam anzuhängen? Das Gespräch mit Alfred Hackensberger.

    Er arbeitet als Korrespondent für die «Welt» und hat über Monate mit westlichen Gotteskriegern korrespondiert.

    Ursula Hürzeler