US-Kampf gegen den IS läuft nicht nach Plan

Der «Islamische Staat» macht noch immer Boden gut oder kann ihn zumindest halten, in Syrien wie auch im Irak. Dies obwohl US-Präsident Barack Obama vor einem Jahr den Luftkrieg gegen die Terrororganisation befohlen hat. In Militärkreisen regt sich nun Kritik an der Strategie des Weissen Hauses.

Der Militarstratege Gary Anderson in Hemd und Krawatte sitzend vor einer Landkarte an der Wand.

Bildlegende: Gary Anderson sieht die USA auf dem falschen Weg im Krieg gegen den IS. Priscilla Imboden

Das Ziel, die Terrorgruppe «Islamischer Staat» zu schlagen, ist in weite Ferne gerückt. So redet in den USA derzeit niemand mehr davon, Mosul zurückzuerobern. Dabei hatten die USA im Januar angekündigt, sie würden mit ihren Partnern vor Ort die zweitgrösste irakische Stadt im Sommer von den Terroristen befreien.

Das wundere ihn nicht, sagt Gary Anderson. Er war früher Oberst in der US-Marine und Militärstrategie-Lehrbeauftragter der George Washington University. Der Kampf laufe nicht gut: «Es ist nicht möglich, eine solch grosse Stadt mit Flugangriffen und einer Bande bewaffneter Bauern zurückzuerobern.» Die irakischen Truppen seien nicht brauchbar. Anderson war selbst als Militärberater im Irak.

«Wir blamieren uns als Grossmacht»

In Syrien hätten die USA im letzten Jahr erst 75 Kämpfer ausgebildet. «Wir werden so nicht siegen können, geben Milliarden von Dollar aus für etwas, das nicht wirkt», sagt Anderson. «Wir blamieren uns als Grossmacht vor 40'000 Kämpfern.» Wenn die USA so weitermachten wie bisher, stünden sie in einem Jahr nicht besser da.

Anderson sagt, was viele im Pentagon denken: Es brauche US-Bodentruppen, wenn man den «Islamischen Staat» bald schlagen wolle. General Martin Dempsey hatte dies auch vor dem Kongress zu Protokoll gegeben. Im Weissen Haus ist das aber kein Thema: Die USA sind kriegsmüde und eines von Obamas Wahlversprechen war, die US-Kampftruppen aus dem nahen und mittleren Osten abzuziehen.

Irakische Armee lässt den IS gewähren

Das sei zu schnell erfolgt, sagt Anderson. Die USA hätten die irakische Armee weiterhin ausbilden und unterstützen sollen. Danach habe die irakische Regierung Fehler begangen. Sie habe die Armee verpolitisiert und die Sunniten unterdrückt. Deshalb liessen die Sunniten nun den IS gewähren: «Wir haben die Sunniten eingesetzt, um die Vorgängerorganisation des IS, die Al Kaida im Irak, zu vertreiben. Sie sind im Stande, dies zu tun», sagt der US-Militärberater. Die irakische Regierung müsse ihnen aber mehr Selbstbestimmung einräumen, damit sie dies täten.

«  Es ist nicht möglich, Mosul mit Flugangriffen und einer Bande bewaffneter Bauern zurückzuerobern. »

Gary Anderson
Militärstratege

Dies müsse in den Augen Andersons aber später passieren, nachdem US-Truppen den IS geschlagen und zu einer reinen Terrorgruppe ohne Staatsgebiet degradiert haben. Dies sollten sie in wenigen Monaten tun und sich dann vollständig zurückziehen. Doch besteht dann nicht die Gefahr, dass der IS zurückkommt?

Rückzug nach Ende von Obamas Amtszeit

Das sei möglich, sagt Anderson: «In fünf bis sechs Jahren könnte alles wieder schlimmer aussehen, wenn der Irak die Lage nicht in den Griff bekommt. Ich habe dazu allerdings keine Lösung.» Genau einen solchen Rückschlag will das Weisse Haus aber verhindern.

Die Obama-Regierung hofft, lokale Truppen besser ausbilden zu können, um den Kampf gegen den IS mit US-Luftunterstützung zu führen und die Gebiete langfristig zu sichern. Laut dem Militärstrategen Anderson werden Kämpfer vor Ort aber erst in drei bis vier Jahren dazu fähig sein – weit nachdem Obamas Amtszeit zu Ende ist. Bleiben die Vereinigten Staaten bei dieser Strategie, so müssen sie damit rechnen, erneut jahrelang in einem Krieg im mittleren Osten involviert zu sein.