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US-Waffendebatte nach Florida «Die öffentliche Meinung schwenkt um»

Legende: Audio Amerikanische Jugendliche klagen Waffenfreunde an abspielen. Laufzeit 4:39 Minuten.
4:39 min, aus Echo der Zeit vom 21.02.2018.

Nach dem Schulmassaker von Parkland, Florida, zeigen sich jugendliche Überlebende entschlossen, an den laxen Waffengesetzen in den USA etwas zu ändern. In verschiedenen Städten sind Grossdemonstrationen geplant unter dem Motto «Marsch für unser Leben». Unterstützung, auch finanzielle, erhalten sie von prominenten Hollywood-Stars. Diesmal könnte gelingen, was bisher nach jedem Amoklauf in den USA wieder gescheitert ist. Isabelle Jacobi schildert im Gespräch, was sich geändert hat.

Legende: Video #NEVERAGAIN fordern Jugendliche in den USA abspielen. Laufzeit 4:11 Minuten.
Aus 10vor10 vom 21.02.2018.
Die Wut auf die untätigen Politiker ist gross, nicht nur in Florida, an Schulen im ganzen Land.

SRF News: Nach jedem schrecklichen Vorfall gibt es eine Diskussion und Proteste – und am Schluss ändert sich nichts. Warum sollte das diesmal anders sein?

Die Schülerinnen und Schüler von Parkland sind anders. Als 16-, 17-Jährige sind sie älter als die Opfer früherer Schulmassaker. Sie sind enorm artikuliert und wissen, wie man in sozialen Medien mobilisiert. Innerhalb einer Woche haben sie eine Bürgerbewegung auf die Beine gestellt. Heute marschieren sie in Florida auf, im März dann in Washington.

Die Wut auf die untätigen Politiker ist gross, nicht nur in Florida, an Schulen im ganzen Land. Sie sind vor allem wütend über die Politiker, die Spenden von der Waffenlobby angenommen haben, wie Donald Trump. Die Waffenorganisation NRA unterstützte seinen Wahlkampf mit 30 Millionen Dollar. Das wissen die Kids, und sie sagen es laut.

Die Waffenlobby ist gut organisiert und vor allem gut alimentiert. Was können ihr die jungen Aktivisten entgegenhalten?

Mit ihren authentischen Stimmen können sie die Öffentlichkeit mobilisieren, was im Moment besondere Wirkung entfalten könnte, da die öffentliche Meinung zum Waffenrecht derzeit ohnehin umschwenkt. Neuste Umfragen zeigen, dass zwei Drittel der Befragten strengere Waffengesetze befürworten. Fast 60 Prozent denken, dass solche Gesetze den Amoklauf in Parkland hätte verhindern können. Das ist ein deutlicher Umschwung in Richtung strengere Waffengesetze. Zudem ist Wahljahr: Die Kongresswahlen stehen an, und die Politiker reagieren auf die öffentliche Meinung empfindlicher als sonst.

Nach jedem Schulmassaker kochen Forderungen nach einem schärferen Waffenrecht hoch. Doch die Waffenlobbyisten hatten am Ende den längeren Atem.

Das ist so. Die NRA weiss aber auch, dass sich die öffentliche Meinung am verändern ist. Sie hat sich zu Zugeständnissen bereit erklärt, etwa in puncto Altersgrenze beim Kauf halbautomatischer Waffen. Neu soll man diese erst ab 21 Jahren kaufen dürfen, statt schon mit 18.

Mit solchen minimalen Zugeständnissen schützt die NRA aber ihre wirklichen Prioritäten. Sie will beispielsweise, dass halbautomatische Waffen nach wie vor erlaubt bleiben und Gesetze, die das versteckte Tragen von Waffen in bestimmten Gliedstaaten, national gelten.

US-Präsident Donald Trump hat beim Justizministerium überraschend ein Verbot von Schnellfeuerkolben angefordert. Woher dieser Meinungsumschwung?

Ein wirklicher Meinungsumschwung ist das nicht. Trump folgt damit dem Skript der NRA. Auch sie hatte sich zu dieser Verschärfung im Waffenrecht nach dem Blutbad in Las Vegas bereit erklärt. Interessant wird sein, ob Trump und die Republikaner im Kongress versuchen werden, ein allfälliges Verbot von Schnellfeuerkolben mit den anderen Wünschen der NRA zu kombinieren. Das wird ein Gradmesser für den Einfluss der Waffenlobby im Kongress sein.

Eine Frau und ein junger Mann knien vor einem der 17 weissen Kreuze, die vor der Schule für die Opfer aufgestellt wurden.
Legende: Eine Woche ist es her, seit ein 19-Jähriger mit einer Schnellfeuerwaffe 14 Schüler und 3 Erwachsene in Parkland tötete. Keystone

Könnte ein Verbot von Schnellfeuerkolben Schulmassaker verhindern?

Nein, sicher nicht. Schon ein halbautomatisches Sturmgewehr kann eine wüste Verheerung anrichten. In Parkland benutzte der Täter beispielsweise keinen Schnellfeuerkolben. Beim Blutbad von Las Vegas wäre die Opferzahl mit einem solchen Verbot aber wahrscheinlich kleiner ausgefallen.

Aber man kann davon ausgehen, dass die Republikaner im Kongress vor allem Änderungen im Waffenrecht unterstützen werden, die für die Waffenlobby möglichst schmerzlos sein werden – ihr also keine grossen Umsatzeinbrüche bescheren.

Welche Massnahmen sind im US-Kongress sonst noch geplant?

Thema sind dort verbesserte Hintergrund-Checks bei Waffenkäufen. Zudem gibt es grosse Lücken bei der Erhebung von Risikogruppen. Unter Präsident Trump sind sich noch grösser geworden. Vielleicht wird der Kongress da die Schraube wieder etwas anziehen. Aber man kann davon ausgehen, dass die Republikaner im Kongress vor allem Änderungen im Waffenrecht unterstützen werden, die für die Waffenlobby möglichst schmerzlos sein werden – ihr also keine grossen Umsatzeinbrüche bescheren.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Isabelle Jacobi

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Porträt Isabelle Jacobi

Nach dem Studium in den USA und in Bern arbeitete Jacobi von 1999 bis 2005 bei Radio SRF. 2008 wechselte sie zum «Echo der Zeit» und wurde 2012 Redaktionsleiterin. Seit Sommer 2017 ist sie USA-Korrespondentin in Washington.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von M. Jaeger (jegerlein)
    Die strengsten Waffenvorschriften bringen nichts wie das Beispiel Jamaika zeigt; es hat die höchste Mordrate weltweit. Die Bösen finden immer einen Weg um sich zu bewaffnen. Bei strengen Vorschriften können Sie dazu noch davon ausgehen dass die Opfer wehrlos sein dürften. PS/Die Schweiz dürfte eine ähnliche Waffendichte haben wie die USA, sie hat aber eine deutlich niedrigere Mordrate als zB. auch Grossbritannien, das wiederum ein sehr strenges Waffengesetz hat. Dito Deutschland.
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  • Kommentar von Benedikt Walchli (Benedikt Walchli)
    Wieder viel Wunschdenken bei den Meinungsmachern. Ist in der US Verfassung verankert aus Gründen die wieder hoch aktuell sind. Volk muss sich im Notfall gegen Regierung wehren können!
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    1. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Falls Sie es nicht mitgekriegt haben: Die USA ist eine Demokratie mit einer vom Volk gewählter Regierung.
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    2. Antwort von Benedikt Walchli (Benedikt Walchli)
      @TS: Ja ich weiss DT hatte auch meine Stimme, aber trotzdem, die Waffen fürs Volk sind für den Notfall im Grundgesetz verankert wegen dem Fall von ausser Kontrolle geratenen Regierungen.
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  • Kommentar von Bruno Bär (ursinho007)
    Diese Proteste werden leider nichts bewirken. Die Amerikaner verbinden den Waffenbesitz mit Freiheit. Diesen Mythos versteht die mächtige und reiche Waffenlobby perfekt aufrecht zu erhalten. Diese Freiheit lassen sich die Amerikaner unter keinen Umständen nehmen, da können noch so viele Massaker geschehen.
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