Der Frust der jungen US-Wähler

Die 20- bis 35-Jährigen stellen die grösste Bevölkerungsgruppe in den USA. Nicht erstaunlich, dass diese sogenannten «Millennials» vor der Präsidentschaftswahl besonders umgarnt werden. Viele von ihnen wählen zum ersten Mal. Ihre Skepsis und ihre Enttäuschung über die Auswahl sind gross.

«I voted! Did you?» – Präsidentenwahlen in der Stadt Durham (North Carolina) am letzten Wochenende.

Bildlegende: «I voted! Did you?» – Präsidentenwahl in der Stadt Durham, North Carolina, am letzten Wochenende. Reuters

«Was würde ich nicht geben für eine gewöhnliche Wahl, vor allem auch, weil ich zum ersten Mal mitmache», klagt der 20-jährige Drew Donaher. Statt über wichtige Themen zu diskutieren, lieferten sich die Kandidaten eine Schlammschlacht und stritten über Nebensächlichkeiten. Drew wird seine Stimme Hillary Clinton geben – weil sie das kleinere von zwei Übeln sei.

«  Clinton ist das kleinere von zwei Übeln. »

Drew Donaher
Jungwähler, der Hillary Clinton wählen will.

Das kleinere von zwei Übeln, das scheint die Losung für viele Millennials zu sein. In den Vorwahlen waren viele für den Republikaner Rand Paul oder für den Sozialdemokraten Bernie Sanders.

Auch die 21-jährige Maeve Allsup war für Sanders. Nun ist sie für Clinton – allerdings mit vielen Vorbehalten: Clinton habe Mühe, echt, offen, liebenswert und zugänglich zu sein oder wenigstens so zu wirken. Und dann seien da noch die Wikileaks-Enthüllungen.

Dass Clinton zu Wall-Street-Bankern andere Dinge sagt als zu den Wählern, überrasche sie nicht, sagt Maeve. Das hätten Trump- und Sanders-Anhänger ja immer schon vermutet. Aber Trumps Haltung gegenüber Frauen habe sie definitiv ins Clinton-Lager getrieben. Maeve ist kein Einzelfall. Laut Umfragen hat Clinton nun eine Mehrheit der weiblichen Millennials auf ihrer Seite.

«  Clinton hat Mühe, echt, offen, liebenswert und zugänglich zu sein oder wenigstens so zu wirken. »

Maeve Allsup
Anhängerin von Bernie Sanders. Sie will Clinton wählen.

Das kleinere von zwei Übeln. Der 21-jährige Sam Finneran kann sich nicht einmal dazu durchringen: «Meine Vorbehalte gegenüber Clinton und Trump sind zu gross», sagt er. Sam wird deshalb Gary Johnson wählen, den Kandidaten der libertären Partei, die sich für weniger Staat einsetzt. Johnson kommt je nach Umfragen auf fünf bis acht Prozent, ist also chancenlos.

«  Ich will ein Zeichen gegen das polarisierte Zwei-Parteien-System setzen. »

Sam Finneran
Er will Gary Johnson von der libertären Partei wählen.

Sams erste Stimme ist also eine verlorene Stimme? Diesen Vorwurf bekommt er oft zu hören, doch er entgegnet: «Ich will ein Zeichen setzen. Nämlich, dass es so nicht weitergeht und wir aus dem polarisierten Zwei-Parteien-System ausbrechen müssen!»

Alex Fried ist Republikaner und hätte vor vier Jahren für Mitt Romney gestimmt, wenn er damals schon volljährig gewesen wäre. Jetzt, da er zum ersten Mal an die Urne darf, wird er Senatoren und Abgeordnete wählen, aber keinen Präsidenten. Er werde sich der Stimme enthalten, sagt Alex.

«  Diese Wahl wird die USA in eine Identitätskrise stürzen. »

Alex Fried
Repulikaner, der nur Senatoren und Abgeordnete wählen will.

Alex macht sich Sorgen, was am Tag nach der Wahl sein wird: «Falls Trump verliert, denken etwa 30 Prozent der Wähler, dass die Wahl ein abgekartetes Spiel war. Falls er gewinnt und nach all dem, was Trump im Wahlkampf gesagt hat, können wir da noch das Zentrum der freien Welt sein?» Diese Wahl werde die USA in eine Identitätskrise stürzen. Es werde schwierig, da wieder rauszukommen, befürchtet der Millennial Alex.