Die Nacht der Vize-Präsidentschaftskandidaten

Demokrat Tim Kaine und Republikaner Mike Pence – beide wollen die Nummer Zwei der USA werden, doch sie stehen im Schatten von Clinton und Trump. Letzte Nacht sind sie ins Rampenlicht getreten und haben sich vor einem Millionenpublikum duelliert. Die beiden Kandidaten im Vergleich.

Kaine und Pence im Profil.

Bildlegende: Die US-Vizepräsidentschaftskandidaten Tim Kaine (l.) und Mike Pence kreuzen erstmals die Klingen. Keystone

  • Politisches Credo

Tim Kaine gilt als fleissiger Politprofi und gradliniger Parteisoldat. Er ist ein moderater Politiker, zuverlässig und ohne Drama. Im Gegensatz dazu wirkt seine «Chefin» Hillary Clinton kühl, kalkulierend und privilegiert.

Mike Pence ist ein Republikaner, wie er im Lehrbuch steht. Das Establishment der Partei mag ihn. Der 57-Jährige beschreibt sich selbst als «Christ, Konservativer und Republikaner – und das in dieser Reihenfolge». Er ist bibelfest, betet angeblich in schwierigen Zeiten mit seinen Mitarbeitern, tritt für sozialkonservative Werte ein.

  • Erfahrung

Der Demokrat Kaine bringt einen prall gefüllten Rucksack an Erfahrung mit in das Gespann. Das Polit-Business lernte der 58-Jährige von der Pike auf: Eingestiegen ist er als Stadtrat, es folgten Posten als Bürgermeister, Vizegouverneur, Gouverneur und dann Senator von Virginia. Auch aussenpolitisch ist Kaine kein unbeschriebenes Blatt: Er gehörte sowohl dem Auswärtigen als auch dem Streitkräfteausschuss an. Das findet auch Clinton perfekt: «Er ist genau richtig.» Amerika brauche einen Vizepräsidenten, der notfalls vom ersten Tag an in der Lage sei, das Spitzenamt zu übernehmen und das Land zu führen.

Mike Pence bringt im Gegensatz zu seinem «Chef» Donald Trump politische Erfahrung ins Gespann. Von 2001 bis 2013 sass er im Repräsentantenhaus, seit 2013 ist er Gouverneur des Bundesstaates Indiana. Dennoch gilt er selbst unter Republikanern als vergleichsweise unbekannt. Pence stammt jedoch aus dem sogenannten «Rostgürtel», einer durch den Niedergang von Industrie und Bergbau gebeutelten Region. Diese könnte bei der Wahl im November eine wichtige Rolle spielen. Aus rechtlichen Gründen musste sich Pence aus dem Rennen für die Wiederwahl als Gouverneur von Indiana zurückziehen. Dies kommt ihm entgegen. Seine Wiederwahl war gefährdet.

  • Welche Wähler sollen sie ansprechen?

Kaine bezeichnet sich als Gläubiger mit traditionellen katholischen Sichtweisen. Der ehemalige Missionar in Honduras spricht fliessend Spanisch und soll dafür sorgen, dass die Wähler mit lateinamerikanischen Wurzeln den demokratischen Wahlzettel in die Urne werfen. Das Wahlverhalten dieser Bevölkerungsgruppe gilt als möglicherweise entscheidend. Persönlich ist er gegen Abtreibungen, wie er sagt, unterstützt aber das Recht der Frauen auf Schwangerschaftsabbruch, womit er nun auch eine Brücke zu Clinton gebaut hat. Ähnlich ist seine Einstellung zur Todesstrafe. Er lehnt sie ab, respektiert aber geltende Gesetze.

Pence wirkt volksnah und präsentiert sich gern als Stimme der kleinen Leute. Als evangelikaler Christ, der beispielsweise gegen die Homo-Ehe und das Recht auf Abtreibung eintritt, spricht er den konservativen Teil der Bevölkerung an.

  • Der wahre Grund für die Kandidatur

Hillary Clintons Entscheidung für Kaine, weil sie meint, Erfahrung und Zuverlässigkeit die attraktivste Alternative zu Trump darstellen. Ausserdem zählt «dessen» Bundesstaat Virginia zu den wichtigen Swing-States, wo bei einem Sieg wichtige Stimmgewinne zu holen sind.

Der Erzkonservative Pence soll das bislang schwere Verhältnis des designierten Präsidentschaftskandidaten Trump zum erzkonservativen Flügel der Partei verbessern helfen. Zudem soll Pence seine Verbindungen zu den sehr mächtigen und sehr reichen Koch-Brüdern spielen lassen. So könnten bislang von Sponsoren verwehrte Gelder in die Kriegskasse gespült werden.

  • Die Achillesferse

Ein möglicher Schwachpunkt Kaines könnte sein, dass er in seiner Zeit als Gouverneur und Vizegouverneur Geschenke im Umfang von mehr als 160‘000 US-Dollar angenommen hat, unter anderem in Form von Reisen. Das war zwar legal in Virginia, und er gab das auch in seinen Finanzunterlagen an, aber das republikanische Lager dürfte dies ausschlachten. So nannte Trump den Senator bereits «Corrupt Kaine».


TV-Debatte zwischen Vizepräsidenten in spe steht an

9:33 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.10.2016

2014 unterzeichnete Pence als Gouverneur von Indiana ein Gesetz zur «Religionsfreiheit». Nach Darstellung der Kritiker erlaubt dieses Gesetz Geschäften, Homosexuelle nicht zu bedienen. Pence bestritt aber damals, sexuelle Minderheiten diskriminieren zu wollen. Nach einem Sturm der Entrüstung überarbeitete Pence das Gesetz noch einmal, was ihn fast die politische Karriere kostete und Kritik wiederum der Sozialkonservativen einbrachte.

  • Das Privatleben

Tim Kaine ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Er soll so wohltemperiert sein, wie bei seinen politischen Auftritten. Vor wichtigen politischen Entscheidungen geht Kaine gerne im Wald wandern oder spielt Bluegrass-Musik.

Im Gegensatz zu Donald Trump, der zwei Mal geschieden ist, ist dessn Vize-Kandidat Mike Pence seit über dreissig Jahren verheiratet. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern. Pence wuchs in einer katholischen Familie auf und war in seiner Kindheit Ministrant. Er promovierte als Anwalt an der Universität von Indianapolis. In den 1990er-Jahren war er auch Radio-Moderator.

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