Die Wasserträger in der Wüste von Arizona

Wegen des verschärften Grenzschutzes wählen Migranten immer gefährlichere Routen in die USA, etwa durch die Wüste von Arizona. Eine Gruppe von Freiwilligen will verhindern, dass diese Menschen verdursten, und deponiert jeden Tag Wasserkanister. Eine dieser «Samaritans» ist Maria Ochoa.

Vorratscontainer der Smaritans: Eine Frau mit rotem Shirt mit weissen Kreuz trägt etwas hinaus.

Bildlegende: Eine der Samariterinnen aus Tucson ist Maria Ochoa. Sie verteilt jeden Tag Güter, die Leben retten können. SRF/Max Akermann

Mit einer Wutrede gegen illegale Einwanderer aus Mexiko hat Donald Trump vor anderthalb Jahren seine Präsidentschaftskampagne so richtig lanciert. Ein paar gute Mexikaner würden wohl auch kommen, aber alle anderen seien Vergewaltiger und Drogendealer. Damit hat Trump in den Vorwahlen gepunktet.

Jetzt, im eigentlichen Wahlkampf, muss er aber auch gemässigtere Wählerschichten ansprechen. Für diese hat das Thema illegale Immigration aber massiv an Bedeutung verloren. Seit der Wirtschaftskrise versuchen viel weniger Menschen, in die USA zu gelangen – und noch viel weniger schaffen es, weil die Grenzkontrollen drastisch verschärft wurden.

Gegen das unnötige Sterben

Wer jetzt noch illegal von Mexiko in die USA gelangen will, muss immer gefährlichere und weitere Wege gehen – zum Beispiel durch unwirtliche Wüstengebiete in Süd-Arizona. Dort sind auch letztes Jahr wieder fast 150 Menschen umgekommen. Solche Todesfälle versuchen unter anderen die «Samaritans» zu verhindern, eine Gruppe von rund 50 Freiwilligen aus Tucson.

Eine der barmherzigen Samariterinnen ist Maria Ochoa. Hinter der Southside Church öffnet sie um 7 Uhr morgens einen Vorratscontainer und beginnt, ihren grossen, roten Toyota-Geländewagen zu beladen. Vor allem Wasser kommt mit, in Gallonen-Gebinden, Lebensmittelpakete, Sportsocken, Medikamente – alles Spenden. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Tucson Samaritans, die lebenswichtige Güter für Flüchtlinge an strategisch wichtigen Orten in der Sonora-Wüste platzieren.

Heute geht es Richtung Arivaca, etwa 100 Kilometer südwestlich von Tucson, nahe der mexikanischen Grenze. Das sind fast eineinhalb Stunden Fahrt hin und wieder zurück, dazwischen lange Fussmärsche durch unwegsames Gelände – ein beschwerliches Unterfangen für die 68-jährige, je elffache Gross- und Urgrossmutter. Doch die Vorstellung, dass das von ihr deponierte Wasser einem Menschen das Leben retten könnte, gebe ihr eine grosse Befriedigung, sagt sie.

Hilfe kommt oft zu spät

Wie viele Menschen die Samariter retten konnten, wisse sie nicht. Aber ihre Hilfe werde auf jeden Fall geschätzt, glaubt Maria, das bewiesen die leeren Wassercontainer, die sie später wieder einsammeln. Oft genug nützt aber alles nichts. Auf halbem Weg hält Maria bei einem schlichten Kreuz am Strassenrand an. Hier wurden die sterblichen Überreste eines Migranten gefunden. Vielleicht sei er schwer krank oder schon tot von seinen Begleitern hier zurück gelassen worden.

Die meisten Toten finde man aber irgendwo im Niemandsland, zwischen 121 und 224 jedes Jahr in den letzten zehn Jahren, und das nur im Grenzabschnitt Tucson – der umfasst nicht einmal ein Zehntel der gesamten 3200 Kilometer langen US-mexikanischen Grenze. Allerdings versuchen hier besonders viele Migranten, die Grenze zu überqueren, weil es in den Wüstengebieten Arizonas einfacher ist, den Grenzwächtern zu entgehen. Der mehrtägige Marsch ist aber gefährlich.

Müde und schlecht ausgerüstet

Einem Fremden fällt das nicht ohne weiteres auf. An einem milden Herbsttag wirkt die Sonora-Wüste harmlos, fast lieblich mit all den Kakteen und Sträuchern, den Mezquitebüschen und gelegentlich sogar Akazien. Doch das täuscht, so Maira.

Links Grenzzaun, rechts eine gerade, staubige Strasse.

Bildlegende: Grenzzaun bei Sasabe, Arizona. In diesem Gebiet sind letztes Jahr fast 150 Menschen umgekommen. SRF/Max Akermann

Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen schon tage-, manchmal wochenlang unterwegs waren, bevor sie überhaupt die Grenze erreichten. Dann sind die meisten schlecht ausgerüstet, haben zu wenig Wasservorräte und sie kennen das Gelände nicht. Da ist schnell ein Unfall passiert, besonders wenn man nur nachts unterwegs sein kann, um nicht entdeckt zu werden. So ist zu erklären, dass die Zahl der Todesfälle seit Jahren fast unverändert hoch bleibt, obwohl die Zahl der illegalen Grenzübertritte massiv abgenommen hat.

Letztes Jahr verhafteten die Beamten der US-Border-Patrol an der Grenze weniger als 200'000 illegale Migranten. Das ist der tiefste Wert seit 1969 und nur noch ein Bruchteil der über 1,6 Millionen Migranten im Jahr 2000.

Mauer ist kein Hinderungsgrund

Das ist die Folge der Wirtschaftskrise in den USA, aber auch der extrem aufgerüsteten Grenzwacht: Mehr Personal, mehr Technik – von Nachtsichtgeräten über Bewegungsmelder bis hin zu Drohnen – und härtere Gesetze sowie auf weiten Strecken der Grenze bereits jetzt Zäune und Mauern, wie sie Trump fordert.

Aber keine Mauer, und sei sie noch so hoch, werde Menschen jemals davon abhalten, ein besseres Leben oder einen sichereren Ort zu suchen, glaubt Maria, deren Grosseltern einst ebenfalls aus Mexiko in die USA gekommen sind.

Ein grosser Teil der Amerikaner glaubt aber an undurchlässige Grenzen und wählt Politiker, die solche versprechen. Trump zum Beispiel. Er wird auch von der Gewerkschaft der Grenzwächter unterstützt, obwohl der Grenzschutz unter dem demokratischen Präsidenten Barack Obama massiv ausgebaut wurde.

Tiere machen Kanister kaputt

«Für gewisse Leute ist es eben nie genug», seufzt Maria, und macht sich auf den anstrengenden Weg über scharfkantige Steine und durch dornige Gebüsche. Immer wieder kommen wir an Verstecken von Flüchtlingen vorbei, sehen zurückgelassene Kleidungsstücke und erleben dann eine böse Überraschung: An die 20 Wasserkanister liegen am Boden verstreut, ungeöffnet, aber leer.

Maria ist konsterniert. Einige der Kanister scheinen von Tieren, auf der Suche nach Wasser, angeknabbert worden zu sein, vielleicht von Krähen aufgehackt. Das komme ab und zu vor, aber so massiv habe sie es noch nie gesehen.

«Das ist wirklich sehr frustrierend», ärgert sich Maria. Wenn die Kanister von übel wollenden Menschen absichtlich aufgeschnitten werden oder eben von Tieren zerstört, dann ist das ärgerlich, vor allem aber für Flüchtlinge möglicherweise tödlich. «Wir müssen wohl einen besseren Platz suchen oder stabilere Wasserflaschen verwenden», sagt sie.

Für heute bleibt Maria nichts anderes übrig, als die löchrigen Flaschen zusammen zu binden und zurück zum Auto zu schleppen. Ein verlorener Tag, aber aufgeben kommt für sie nicht in Frage: «Wir machen weiter, trotz Vandalen und trotz Tierschäden. Wir kämpfen für die Gesundheit der Menschen so lange wir können.»

Weniger Rückkehrer wegen verstärktem Grenzschutz

Paradoxerweise verschärft die Grenzbefestigung eher noch das Problem der illegalen Immigration. Früher seien die Leute hin und her gezogen, hätten eine Zeit lang in den USA gearbeitet, dann wieder ein halbes Jahr in Mexiko verbracht. Jetzt blieben alle, die es über die Grenze geschafft hätten, drüben, erzählt Maria Ochoa. Tatsächlich lebt der durchschnittliche illegale Einwanderer schon seit über 15 Jahren in den USA. Deren Kinder sind zumeist US-Bürger, sie selber bleiben aber ständig von der Abschiebung bedroht.