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Die Rückeroberung von Utöya
Aus Rendez-vous vom 22.07.2021.
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Utøya: Ort wird wiederentdeckt «Nie vergessen, nie schweigen»

Auf Utøya, 30 Kilometer westlich von Oslo, gibt es nur noch wenige Spuren des tödlichen Massakers an 69 Jugendlichen. Eine neue Generation engagierter junger Norwegerinnen und Norweger hat den Ort für sich wiederentdeckt.

Die Insel Utøya im Tyrifjord: Am Festlandufer, nur wenige 100 Meter von der kleinen Insel entfernt, spielen Kinder am Wasser des Fjordes, in dem sich die umliegenden bewaldeten Hügel und die hochstehende Juli-Sonne spiegeln.

Fast genau so sah es hier vor einem Jahrzehnt aus. Wie jeden Sommer seit den 1950er-Jahren befanden sich Hunderte Kinder und Jugendliche auf der Insel, im traditionellen Sommerlager des sozialdemokratischen Jugendverbandes AUF.

Terrorist als «Freund und Helfer» verkleidet

Am 22. Juli 2011 um 17 Uhr setzte ein Mann in Polizeiuniform mit der Fähre auf die Insel über und rief die Lagerteilnehmer zusammen, um – so erklärte er – über den Bombenanschlag zu informieren, der zwei Stunden zuvor im Zentrum von Oslo stattgefunden hatte.

Überlebende berichten davon, wie der als Polizist verkleidete Terrorist in diesem Moment das Feuer auf die Kinder eröffnet – und damit über eine Stunde lang nicht mehr aufhört.
Autor: Stine Furan Informationszentrum der Terroranschläge

Was dann passierte, erzählt Stine Furan, die im Informationszentrum die Berichte dieses blutigsten Tages der neueren norwegischen Geschichte zusammengetragen hat: «Überlebende berichten davon, wie der als Polizist verkleidete Terrorist in diesem Moment das Feuer auf die Kinder eröffnet – und damit über eine Stunde lang nicht mehr aufhört.» Die 30-jährige Lehrerin hat ein Lehrmittel zu den Anschlägen entwickelt, das seit dem letzten Jahr zum festen Lehrplan der norwegischen Oberstufe gehört.

Legende: Das Informationszentrum zu den Terroranschlägen vom 22. Juli 2011 in Oslo. SRF/Bruno Kaufmann

Seit 2015 gibt es wieder Sommerlager

Als dann kurz nach 18 Uhr die richtige Polizei endlich auf der Insel eintraf, waren 69 junge Menschen tot und Hunderte verletzt. Sichtbare Spuren dieser Tragödie sind heute auf Utøya fast keine mehr zu sehen. Der Täter verbüsst eine lebenslange Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Als ich hier vor einigen Jahren zum ersten Mal in ein Lager auf Utøya kam, wusste ich eigentlich nichts von all diesen schlimmen Sachen.
Autor: Varin Hiwa Sozialdemokratischer Jugendverband AUF

Und seit sechs Jahren werden auch wieder Sommerlager auf der Insel durchgeführt – daran nimmt eine neue Generation von engagierten Jugendlichen teil. Wie Varin Hiwa. «Als ich hier vor einigen Jahren zum ersten Mal in ein Lager auf Utøya kam, wusste ich eigentlich nichts von all diesen schlimmen Sachen», erzählt sie, die zum Zeitpunkt der Anschläge neun Jahre alt war.

Legende: Varin Hiwa vom sozialdemokratischen Jugendverband AUF. srf/bruno kaufmann

Heute ist sie die Vorsitzende der Osloer Sektion des sozialdemokratischen Jugendverbandes AUF. «Erst später ist mir das Ausmass dieser Terroranschläge bewusst geworden und wem sie ganz gezielt galten, nämlich jungen Menschen wie mir, die sich für eine offene Gesellschaft und eine partizipative Demokratie in Norwegen stark machen», sagt Hiwa, die neben ihrem politischen Engagement auch in einem Osloer Supermarkt arbeitet.

Legende: Blumen erinnern vor der Insel Utøya an die schreckliche Tat vor zehn Jahren. srf/bruno kaufmann

In ihren Augen beginnt Norwegen erst jetzt – ein Jahrzehnt nach den Anschlägen – offen über die politischen Hintergründe der Anschläge vom 22. Juli 2011 zu sprechen: «Ich finde es sehr gut, dass wir heute so viel über diesen Einschnitt in unserer Geschichte sprechen und das Problem des Rechtsextremismus beim Namen nennen können», betont Hiwa.

Als Kind kurdischer Einwanderer in Norwegen und als politisch engagierte junge Frau schlägt ihr viel Hassrede in sozialen Medien entgegen – und immer wieder auch direkt Morddrohungen.

Die Rückeroberung Utøyas beginnt

Hiwa und ihre Generation möchte die Wunden der Anschläge vor zehn Jahren nicht einfach vernarben lassen, sondern Utøya als Ort des Dialoges für die Zukunft zurückgewinnen. Dazu gehört eine aktive Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen – und der Bau einer Gedenkstätte am Festlandufer des Tyrifjordes.

Legende: Am Festlandufer des Tyrifjordes wird eine Gedenkstätte gebaut. srf/bruno kaufmann

Gegen den Willen der Anrainer und nach jahrelangen politischen Diskussionen ist diese Anlage nun im Bau. Die vom Menschenhand  ausgeführte Tragödie soll in Erinnerung bleiben – das Motto der neuen Generation Utøya lautet: «Nie vergessen, nie schweigen».

Rendez-vous, 22.07.2021, 12:30 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Lothar Drack  (spprSso)
    Seit meiner Jugend bin ich mit Norwegen verbunden, der Anschlag von Utøya hat mich zentral getroffen. Starke Worte von Stoltenberg «Wir sind ein kleines Land, aber ein stolzes Volk. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.»
    So klein ist Norwegen nicht, immerhin gut 9x grösser, aber 3 Mio. weniger Ew. als CH. Die Probleme mit Rechtsnationalen und - populisten dürften aber vergleichbar sein. Grad darum gefällt mir das Motto «Nie vergessen, nie schweigen».
    1. Antwort von thorsten Koopmann  (Koopmann)
      „ weniger Ew. als CH. Die Probleme mit Rechtsnationalen und - populisten dürften aber vergleichbar sein. Grad darum gefällt mir das Motto «Nie vergessen, nie schweigen».“ nein ist nicht vergleichbar! Kein einziger Bericht des Nachrichtendienstes des Bundes stützt ihre Behauptung! Ganz im Gegenteil!
    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Koopmann, da stimme ich gerne zu: Dass mir grad darum das Motto gefällt, dieser Fakt ist tatsächlich noch nicht bis zum Nachrichtendienst des Bundes gelangt! Darüber hinaus gehört es nicht zu dessen Aufgabenbereich, die Schweiz mit Norwegen zu vergleichen.
    3. Antwort von Frank Henchler  (Die Wahrheit ist oft unbequem)
      Kopmann. die Schweiz hat fast als einziges Land in Europa, eine rechtsnationale Partei, die auch gleichzeitig die wählerstärkste ist.

      Die Schweiz sollte endlich mal ihre Hausaufgaben machen und zusehen, dass etwas mehr Niveau in ihre politische Landschaft Einzug hält.
    4. Antwort von thorsten Koopmann  (Koopmann)
      „ , dieser Fakt ist tatsächlich noch nicht bis zum Nachrichtendienst des Bundes gelangt“ ach so. Aber zu ihnen schon :-) dem Nachrichtendienst des Bundes kann man trauen. Der diametral zu einem anderen Schluss kommt als sie
    5. Antwort von Michael Seiler  (MSeiler)
      Herr Henchler, ich gebe Ihnen recht es ist beschämend das die PNOS (nationalistisch-völkisch-rechtsextrem) noch nicht verboten wurde, sie ist aber mit ca. 800 Mitgliedern bei weitem nicht Wählerstärkste Partei. Falls sie die SVP (nationalkonservativ, rechtspopulistisch) meinen gibt es selbst in Deutschland " Alternativen" .
      Zurück zum Thema:
      Es ist immer wieder erschreckend zu welchen Taten Menschen in Ihrem blinden Hass fähig sind. Sehr gut fand die traurige Geschichte Platz im Lehrplan.
    6. Antwort von thorsten Koopmann  (Koopmann)
      Ich versuche es nochmal / Herr henchler. Wenn wir schon festhalten dass es in der Schweiz und anderswo Rechtspopulistische Parteien gibt -was stimmt!- dann sollte man auch auf die linkspopulistische Parteien verweisen dürfen. Anstand und ein sachgerechter Umgangston darf man auch von allen erwarten dürfen!
    7. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Koopmann: man sollte also in jedem Bericht über von rechtsextreme ausgeführten Massaker explizit erwähnen, dass es auch Linkspopulisten gibt?
    8. Antwort von thorsten Koopmann  (Koopmann)
      Planta wo habe ich das geschrieben? Aber wenn man die Schweiz beim Thema Norwegen ins Spiel bringt, und Behauptungen tätigt, darf man diese widerlegen! Zumal der Nachrichtendienst des Bundes meine Richtigstellung unterstützt
    9. Antwort von thorsten Koopmann  (Koopmann)
      Es ist klar jedes. So wenn man etwas schreibt was den nicht passt kommt er und belehrt einem und möchte aussagen verbieten. Bitte keine Angst vor Gegenreden habe . Die bei Bedarf sachbezogen widerlegen. Aber nicht verbieten wollen