Venezuela in der Toilettenpapier-Krise

Das Erbe des verstorbenen Hugo Chávez wiegt schwer: Der neue Staatspräsident von Venezuela, Nicolas Maduro, steht deshalb unter Druck – und das bereits nach einem Monat im Amt. Die Wirtschaft in Venezuela ist am Boden. Im Volk rumort es.

Kaum im Amt, hat Venezuelas neue Linksregierung um Präsident Nicolas Maduro den «Toiletten-Blues». Dem Land sind die WC-Rollen ausgegangen. Die Opposition horte Toilettenpapier mit dem Ziel, die Revolutionsregierung zu schwächen und die Macht selber zu übernehmen. So jedenfalls erklärt sich der Präsident die Versorgungsschwierigkeiten.


Maduros Linksregierung hat den Toiletten-Blues

3:32 min, aus SRF 4 News aktuell vom 24.05.2013

«Wenn die Bürgerlichen glauben, mit ihrem Wirtschaftskrieg könnten sie mich stürzen, sind sie auf dem Holzweg», sagte Maduro im Fernsehen. Auf jeden Fall ist das Toilettenpapier ein Politikum geworden: Das Parlament sprach einen Sonderkredit. Inzwischen stecken die bolivarischen Revolutionäre schon mitten in der Aktion «Notbeschaffung». 50 Millionen Rollen wollen sie importieren.

Kurios ist auch die Erklärung des Handelsministers über die Hintergründe der Knappheit: Es gebe eine zu grosse Nachfrage nach WC-Papier, sagte er. Wegen der Chávez-Revolution würden die Venozolaner mehr und besser essen als früher – deshalb müssten sie auch öfter auf die Toilette.

Wer etwas produziert, macht Verlust

Der wahre Grund ist, dass die Preisvorschriften der Regierung die Produktion beeinträchtigen. Wenn Preiserhöhungen bewilligt werden, ist die Teuerung schon längst davongezogen. Das heisst: Produzieren wird zum Verlustgeschäft. Diesen Problemen, die Hugo Chávez hinterlassen hat, ist sein Wunschnachfolger Maduro nicht gewachsen.

Maduro spricht zu seinen Anhängern. Er trägt eine Trainingsjacke in den Farben der venzolanischen Flagge.

Bildlegende: Präsident Maduro ist in den Augen vieler Venezolaner eine Lachnummer. Reuters

Es ist kaum mehr Geld in der Staatskasse, und zudem ist Maduro eine schwache Figur: Mit dem Hinweis, der verstorbene Chávez sei ihm in der Gestalt eines Vögelchens begegnet, machte sich der Präsident zum Gespött der Nation.

Neben dem politischen Format fehlt Maduro auch die Legitimität fürs Regieren: Bei den Wahlen im April hatten 800'000 eingefleischte Chavisten nicht für ihn votiert, sondern für den oppositionellen Henrique Capriles. Maduros Sieg war hauchdünn und wird von der Opposition angefochten.

Das macht in angreifbar, auch von Seiten seiner Genossen. Die machen dem Präsidenten immer öfter den Vorwurf, er sei unfähig, das Erbe von Chávez zu verwalten.

Präsident Maduro ist hilflos

Maduros erster Monat im Amt war ein Spiessrutenlauf. Angesichts der Versorgungskrise, von der auch viele Grundnahrungsmittel betroffen sind, suchte der Präsident Hilfe bei den privaten Bauern und Lebensmittel-Herstellern – bei jenen also, die der Chavismus zehn Jahre lang verteufelt hatte.

Solange Venezuela nicht ausreichend Mais produziere, könne es auch nicht genügend Maismehl geben, liessen ihn die Vertreter der Privatwirtschaft wissen. Aus dem Mehl backen die Venezolaner ihre Brötchen, die Arepas.

Sozialwohnungen will Maduro weiterhin bauen. Aber sie sollen nicht mehr gratis sein. Damit beraubt er den Chavismus seiner grössten Attraktivität: Gaben verteilen und von den Beschenkten politische Loyalität einfordern.

Der neue Präsident Venezuelas ist hilflos. Letzte Woche beorderte er unter dem Vorwand der Verbrechensbekämpfung 3000 Armeeangehörige nach Caracas. Offenbar sollen sie schon bereitstehen, falls den Venezolanern der Geduldsfaden reisst und Strassenproteste ausbrechen sollten.

(snep)