Verbrechen am Computer verhindern – so bestechend wie umstritten

Straftaten örtlich vorhersagen und rechtzeitig verhindern. Dies testet die Polizei von Los Angeles seit einem Jahr mit einer Software, die Vorfälle der letzten zehn Jahre auswertet. Die Trefferquote von 20 Prozent bei Einbrüchen und Autodiebstählen lässt aufhorchen, doch die Skepsis ist gross.

Die Dienstmarke des Los Angeles Police Department (LAPD).

Bildlegende: Die Dienstmarke des Los Angeles Police Department (LAPD). Reuters/Archiv

Überrascht ist Polizei-Sergeant Joe Miller nicht, dass es heute diese Ecke in Los Angeles treffen wird. Ein kleines rotes Quadrat auf einer Karte hat ihm bereits am Morgen angezeigt, dass es auf der Kreuzung South Alvarado Street und Wilshire Boulevard zu einer Straftat kommen könnte. Im konkreten Fall war es eine Schiesserei inmitten einer Menschenmenge.

Möglich macht dies seit gut einem Jahr eine neue «Kollegin» im Los Angeles Police Departement (LAPD), die so genannte Software Predictive Policing (PredPol). Sie sagt den Beamten aus Fleisch und Blut, wo in den nächsten zwölf Stunden ein Verbrechen stattfinden und welcher Art es sein könnte. Die Software benutzt dabei Daten aus zehn Jahren Verbrechensgeschichte.

Wie kommt die Zukunft in die Analyse?

Entwickelt wurde die Software zur Analyse von Datenbanken an der University of California in Los Angeles vom Mathematiker Jeff Brantingham und seinen Kollegen. PredPol wühlt sich also durch eine Unmenge von Informationen, die zu bereits begangenen Verbrechen vorhanden sind.

«Wir nutzen historische Daten über Verbrechen: Wann ist was wo passiert?», erklärt Brantingham. Diese Informationen würden dann verarbeitet. Jeder einzelne Vorfall werde auf die Wahrscheinlichkeit geprüft, dass er eher heute oder in Zukunft neue Vorfälle generieren könnte.

«  Es geht darum, aus den Daten Wahrscheinlichkeiten abzulesen. »

Jeff Brantingham
Mathematiker, University of California, Los Angeles

In der Praxis beim LAPD sieht das wie folgt aus: Alle zwölf Stunden spuckt die Software eine neue Karte mit roten Punkten aus, welche zehn Hotspots des Verbrechens lokalisieren. Angezeigt wird dabei auch, was mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb dieser Hotspots passieren wird: Ein Überfall, ein Einbruch, ein Autodiebstahl oder gar eine Schiesserei.

Der zuständige Polizeioffizier lässt dann seine Beamten ausschwärmen, damit sie die markierten Stellen mit erhöhter Aufmerksamkeit abfahren. Damit können potenzielle Täter vielleicht abgeschreckt werden.

Skepsis trotz gewisser Erfolge

PredPol kann allerdings den Menschen nicht ersetzen und das soll die Software auch nicht. Ist sie aber eine nützliche Ergänzung? LAPD-Captain Jeff Nolte, der den grössten Teil seines Lebens in Morden ermittelt hat, umschreibt es so: «Ich bin stolz auf alle meine Detektive, ihre Intuition und Erfahrung. Ich bin allem Neuen gegenüber sehr skeptisch.»

«  Die einzigen, die Verbrechen aufklären können, sind Leute, die eine Dienstmarke tragen. »

Jeff Nolte
Captain, Los Angeles Police Department (LAPD)

Und doch kann die Software Dinge, die Menschen nicht können. So sind die als gefährdet beurteilten Gebiete gerade einmal 50 Quadratmeter gross. Die Statistik zeigt unter anderem: PredPol hat rund einen Fünftel aller Hauseinbrüche, Autodiebstähle und Autoaufbrüche richtig angezeigt.

Diskriminierung vorprogrammiert?

Doch es gibt auch Kritiker dieser Software, die auf Ort, Zeit und Art von Verbrechen zugreifen kann. Sie fragen sich, ob das System nicht auch mit Angaben zu Tätern gefüttert und Profile erstellt werden könnten, wie dies bereits mit anderer Software geschieht. Das schürt die Angst vor Diskriminierung.


«PredPol» – Verbrechensprävention per Algorithmus

5:45 min, aus SRF 4 News aktuell vom 20.10.2016

Der Mathematiker Brantingham winkt ab: «Es ist wichtig zu verstehen, wie PredPol funktioniert. Wir analysieren keine Täter, nicht was sie essen, wie alt sie sind und was ihr sozioökonomischer Status ist. Daran haben wir gar kein Interesse.» Brantingham erinnert, dass viele Verbrechen niemals aufgeklärt werden: «Was sagen zwölf Prozent eingesperrter Verbrecher schon über die anderen 88 Prozent aus?»

Doch auch aus den Reihen der Polizeidetektive kommt viel Kritik. Polizei-Sergeant Miller und seine zwei Streifenkollegen halten PredPol für überflüssig. Ihr Argument: «Wie beweist man, dass ein geplantes Verbrechen verhindert wurde? Schliesslich hat es niemals stattgefunden.»