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International «Vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder»

Die Redaktion von #SRFglobal hat einen Kassiber aus dem Istanbuler Frauengefängnis Bakirköy zugespielt bekommen – einen herausgeschmuggelten Brief der bekannten Schriftstellerin Asli Erdogan. Am 16. August stürmten Dutzende Polizisten die Wohnung der 48-Jährigen in Istanbul.

Legende: Video «#srfglobal erhält Brief von Schriftstellerin Asli Erdogan» abspielen. Laufzeit 2:26 Minuten.
Aus Tagesschau vom 03.09.2016.

Die 48-jährige Asli Erdogan ist eine international angesehene Schriftstellerin. In den Jahren 2012 und 2013 arbeitete sie auf Einladung der Stadt Zürich während sechs Monaten als Gastautorin in der Limmatstadt. Damals wollte die bereits gesundheitlich angeschlagene Autorin etwas Abstand gewinnen vom immensen Druck, der in der Türkei von der AKP-Regierung auf Kulturschaffende, insbesondere Autorinnen und Journalisten, ausgeübt wird.

Foto von Asli Erdogan. (getty Images)
Legende: Asli Erdogan ist in Istanbul im Gefängnis. In einer Zelle mit 21 anderen Frauen. Getty Images

Nun hat Asli Erdogan in ihrer Zelle im Frauengefängnis in Istanbul einen 12-seitigen, handgeschriebenen Brief an SRF in Englisch verfasst. Sie ist seit dem 16. August 2016 in der Türkei in Haft.

#SRFglobal hatte Asli Erdogan zuvor mehrere schriftliche Fragen zukommen lassen. Über Umwege kamen die Antworten nach Zürich. Auf den ersten drei Seiten beschreibt Erdogan die Umstände ihrer Verhaftung in ihrer Wohnung in Istanbul und die vom Staatsanwalt vorgebrachten Anklagepunkte.

Ich wurde von einer Gruppe von 30 bis 40 Polizisten verhaftet. Ich war komplett entsetzt, als sie in meine Wohnung eindrangen und mit ihren Waffen auf mich zielten.
Autor: Asli ErdoganSchriftstellerin

Offenbar wird ihr die Mitwirkung im Beirat der kurdischen Zeitung «Özgür Gündem» (Freie Agenda) zum Verhängnis. Aus ihrer Tätigkeit als Literaturberaterin konstruiert die Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen «versuchter Zerstörung des türkischen Staates und Mitgliedschaft bei der PKK».

Auf den folgenden Seiten schreibt die fragile Autorin hauptsächlich über die Haftbedingungen. Etwa zu Beginn auf der Polizeiwache im Istanbuler Stadtteil Eserler: «Das schlimmste war, wenn wir auf die Toilette mussten: Wir durften nur, wenn die Polizistin gerade ‹in Laune› war. Eine der vier jungen Frauen schlitzte sich die Pulsadern auf, eine andere schrie 48 Stunden lang.»

Zitat aus dem Brief von Asli Erdogan an SRF
Legende: «Vielen Dank. Bitte vergesst mich nicht. Und meine Bücher. Es sind meine Kinder.» Aus dem Brief von Asli Erdogan an SRF. SRF

Inzwischen befindet sich Erdogan in einer Gemeinschaftszelle im Frauengefängnis Bakirköy mit 21 anderen Frauen. Besuche sind nur ihrer 72-jährigen Mutter sowie ihren Anwälten erlaubt.

In Deutschland, Polen, Frankreich und Österreich sind mittlerweile Initiativen zur Unterstützung der inhaftierten Schriftstellerin aufgebaut worden. Auch die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch ist mit einem Schreiben ans türkische Generalkonsulat gelangt, in dem sie um Aufklärung über die Gründe der Haft und den Gesundheitszustand von Asli Erdogan bittet.

Die Autorin ist sich sicher bezüglich der gegen sie erhobenen Anklage:

Ich bin im Gefängnis, weil ich über die Abscheulichkeiten geschrieben habe, welche die Türkei begangen hat – es ist meine Aufgabe über Abscheulichkeiten zu schreiben.
Buchdeckel
Legende: «Die Stadt mit der roten Pelerine», das zuletzt auf deutsch erschienene Buch von Asli Erdogan. SRF

Die Gewaltentrennung – zwischen Justiz, Parlament und Regierung – ist in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch und der Aushängung des Ausnahmezustandes hinfällig.

Die Schriftstellerin befürchtet deshalb, dass über ihr Schicksal allein die Regierung entscheide und damit – der mit ihr nicht verwandte – Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Sie schliesst den Brief an SRF mit einem Wunsch für die Zeit nach ihrer Entlassung.

Das erste, was ich tun werde, wenn ich raus komme – falls ich je raus komme: Ich werde mir ein Tattoo stechen lassen, so wie die Häftlinge in Auschwitz. Meine Nummer ist 16816, der Tag, an dem die Polizei meine Wohnung stürmte.

12 Kommentare

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  • Kommentar von F. Alex (anti-cliché)
    Eine von vielen Grauenhaftigkeiten, die in der heutigen Türkei geschehen. Und wir (und unsere Politik) schauen einfach zu...
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  • Kommentar von Fritz Kartoffel (Mosses01)
    Wir dürfen diese mutige Frau keinesfalls vergessen und ihrem Schicksal überlassen - vergesst nicht, Folter, Erniedrigung, Vergewaltigung, etc. sind in türkischen Gefängnissen an der Tagesordnung (Juncker, Merkel und Co. diskutieren derweil nach wie vor über die Visumsbefreiung...) - die Frau (und andere) brauchen handfeste Unterstützung und Hilfe!
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  • Kommentar von Heinz Moll (Heinz Moll)
    Der Vergleich mit Auschwitz ist natürlich ausgesprochen blöd & völlig überzogen. Trotzdem gehört die Frau auf der Stelle enthaftet. Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen, die keine Gewalttaten verübt, sondern einzig die Regierung kritisiert haben, ihrer Freiheit beraubt werden!
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      So blöd & überzogen ist der Vergleich nun auch wieder nicht. Es läuft in der Tuerkei eine "Säuberung", nach sehr auffallenden Mustern ab. Da gehören Nummerierungen nach bekanntem Vorbild offenbar dazu. Weiteres wird wohl auch noch folgen....!
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    2. Antwort von Thomas Käppeli (thkaepp)
      Der Auschwitzvergleich mag überzogen sein. Sie unterschätzen aber die Zustände in türkischen Gefängnissen. Nicht besser hierzulande. Lebend wieder rauskommen, ohne jegliche Gewähr. Empfehle das Buch „Midnight Express“ von Billy Hayes. Schildert realistisch türkischen Knastalltag, auch Bakirköy. Naja, hat sich jedoch der Typ in naiver Weise selbst eingebrockt. Ich bekam persönlich politische Knastgeschichten kurdischer Mitarbeiter in meiner 5-jährigen Südostanatolienzeit mit. Free Asli Erdogan!
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    3. Antwort von Heinz Moll (Heinz Moll)
      Die Herren Haller & Käppeli wissen anscheinend nicht, was Auschwitz war: eine Mordfabrik.
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