Vermisster Verleger taucht im chinesischen Fernsehen auf

Drei Monate nach dessen Verschwinden hat das chinesische Staatsfernsehen Gui Minhai gezeigt, einen vermissten Mitarbeiter eines Hongkonger Verlags. Er legte dabei ein Geständnis ab. Doch es gibt Zweifel, ob es freiwillig erfolgte.

Ein Demonstrant hält ein Schild mit einem Bild von Gui Minhai.

Bildlegende: Erst spurlos verschwunden, nun im TV vorgeführt: Der Verlagsmitarbeiter Gui Minhai. Reuters

Es ist eine mysteriöse Geschichte, die jüngst noch mysteriöser geworden ist. Im Zentrum steht Gui Minhai. Er ist einer von fünf Buchhändlern und Verlegern aus Hongkong, die allesamt in den letzten Wochen und Monaten verschwanden.

Nun ist Gui wieder aufgetaucht und hat im staatlichen chinesischen Fernsehen CCTV unter Tränen ein Geständnis abgelegt. Er sei vor elf Jahren in angetrunkenem Zustand in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen, bei dem eine Person ums Leben kam.

Aus Furcht vor dem Gefängnis sei er damals nach Hongkong geflohen. Er sei jetzt nach China zurückgekehrt, um sich seiner «rechtlichen Verantwortung» zu stellen.

Diese Aussage halten viele für nicht glaubwürdig, wie der Schweizer Tobias Brandner gegenüber SRF News erklärt. Er lebt seit 20 Jahren in Hongkong und unterrichtet an der Chinese University protestantische Theologie. «Die Leute vermuten, dass Gui in Thailand von chinesischen Agenten entführt und nach China überführt worden ist. Dann wurde er zu diesem Geständnis gezwungen.»

Vier weitere Mitarbeiter verschwunden

Der Grund dafür sei, dass Gui China-kritische Bücher herausgegeben hatte, glaubt der Theologe, welcher der Regenschirm-Bewegung nahesteht. Diese hatte vor zwei Jahren wochenlang gegen die Hongkonger Regierung demonstriert. «Es könnte sein, dass ihm gedroht wurde, dass seine Familie Schaden nehmen würde.»

«  Es könnte sein, dass Gui Minhai gedroht wurde. »

Tobias Brandner
Theologieprofessor, Hongkong

Gui und drei weitere Männer galten bereits seit Oktober als verschwunden. Er selbst kehrte aus den Ferien in Thailand, wo er ein Ferienhaus besitzt, nicht nach Hongkong zurück. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte, der Auftritt Guis im Staatsfernsehen werfe mehr Fragen auf, als er Antworten gebe.

Bloss eine «peinliche Panne»?

Ein fünfter Mann, der 65-jährige Verleger Lee Bo, verschwand am 30. Dezember vermutlich direkt aus Hongkong. Hintergrund ist mutmasslich ein von seinem Verlag geplantes Buch über eine ehemalige Geliebte von Chinas Präsident Xi Jinping.

Brandner bezweifelt allerdings, dass die Aktion von oberster Stelle in Peking befohlen worden ist. «Ich habe eher den Eindruck, dass dies eine äusserst peinliche Panne ist.» Ein «unkontrollierter Strafvollzugsbeamter» habe wohl die Verhaftungen veranlasst, ohne dass die chinesische Zentralregierung davon wusste, vermutet er.

Demonstration für die Vermissten

Erst vor rund einer Woche forderten tausende Demonstranten in Hongkong Aufklärung über den Verbleib der vermissten Männer. Sie veranstalteten einen Marsch zur chinesischen Vertretung. Die Veranstalter sprachen von 6000, die Polizei von 3500 Teilnehmern.

Die USA und die EU äusserten sich beunruhigt über das Verschwinden der fünf Verlagsmitarbeiter. Die Behörden von Hongkong weigern sich indes, zum Verschwinden Guis Stellung zu nehmen. Weder die Polizei noch die Regierung hätten von dem Fall offiziell Kenntnis, sagte Verwaltungschef Leung Chun Ying. Peking bestätigte inzwischen allerdings, dass sich Lee Bo in China befinde.

Hongkongs Status

Peking garantiert der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong noch bis zum Jahr 2047 einen Sonderstatus nach dem Prinzip «Ein Land, zwei Systeme». So gilt beispielsweise die Meinungsäusserungsfreiheit, und chinesische Sicherheitskräfte haben gemäss dieser Vorgabe nicht das Recht, dort aktiv zu sein.