Verzögerungen und Gewalt während Wahl in Nigeria

In Nigeria hätte die Präsidenten- und Parlamentswahl bereits gestern Abend zu Ende gehen sollen. Doch wegen technischer Probleme mussten einige Wahllokale am Sonntag erneut öffnen. Die Drohung der Terrormiliz Boko Haram, jeden Wähler zu töten, misslang: Die Nigerianer strömten zu den Urnen.

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Zu wenige Wahlzettel in Wahllokalen

1:06 min, aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 29.3.2015

Die Bürger von Afrikas bevölkerungsreichster Demokratie trotzten den Unregelmässigkeiten bei den Wahlen – und auch der Gewalt. Die islamistische Terrormiliz Boko Haram tötete bei mehreren Angriffen im Nordosten Nigerias mehr als ein Dutzend Menschen.

Insgesamt waren rund 56,7 Millionen Nigerianer aufgerufen, ihre Stimme in einem der 120‘000 Wahllokale abzugeben. Der Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau hatte gedroht, jeden zu töten, der wählen geht.

Doch die Einschüchterung misslang: Es bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Diese entstanden auch durch Probleme mit den elektronischen Fingerabdruck-Scannern und biometrischen Ausweisen.

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Gewalt und Geduld am Wahltag

2:40 min, aus Tagesschau vom 28.3.2015

Buhari liegt leicht vorn – Millionenstadt Lagos noch nicht gezählt

Noch deutet alles auf ein knappes Rennen hin: Laut ersten Ergebnissen liegt der muslimische Herausforderer Muhammadu Buhari leicht vor dem christlichen Amtsinhaber Goodluck Jonathan.

Doch Jonathans Anhänger sind vor allem im christlichen Süden zu finden, der ehemalige General und Ex-Präsident Buhari hat seine Wählerschaft vor allem im muslimischen Norden. Den Ausschlag geben könnte das Wahlergebnis rund um die Wirtschaftsmetropole und 10-Millionen-Stadt Lagos an der südlichen Küste Nigerias.

«Gefährlich ist die Zeit nach der Wahl»

Hunderttausende Sicherheitskräfte waren im Einsatz, um Zusammenstösse zwischen Anhängern der grossen politischen Lager zu verhindern. Vermutlich wird das Verhalten des Wahlverlierers bestimmen, ob es nach der Wahl friedlich bleibt oder zu Gewaltexzessen wie 2011 kommt. Damals starben rund 800 Menschen bei Unruhen nach der Wahl.

Der frühere Präsident Malawis, Bakili Muluzi, der als Wahlbeobachter eingesetzt ist, warnte vor Gewalt: «Gefährlich ist die Zeit nach der Wahl». Handfeste Ergebnisse werden frühestens am Montag erwartet.

Nigeria - die wichtigsten Informationen

Nigeria - die wichtigsten Informationen
Menschen
Mehr als 170 Millionen Einwohner, rund 250 ethnische Gruppen: Der Süden ist mehrheitlich christlich, der Norden mehrheitlich muslimisch. Daneben gibt es verschiedene Naturreligionen.
SpracheEnglisch ist die offizielle Hauptsprache. Es werden mehr als 500 lokale Sprachen und Dialekte gesprochen. Die verbreitetsten Sprachgruppen sind Yoruba, Hausa und Igbo.
WirtschaftNigeria ist Afrikas grösste Wirtschaft. Erdöl ist die Haupteinnahmequelle des Landes und trägt zu rund 80 Prozent des Staatsbudgets bei. Korruption ist weit verbreitet: Deswegen leben geschätzte 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Das Land ist beliebt für ausländische Investitionen.
GeschichteNigeria erlangte 1960 seine Unabhängigkeit von Grossbritannien. 1967 versuchte sich der ölreiche Osten des Landes in einem 30-monatigen Bürgerkrieg vom Rest des Landes abzuspalten; der Krieg forderte rund eine Million Menschenleben. Der Friede und ein Ölboom brachte in den 70ern Milliarden ein, doch die Korruption hat den Wohlstand und die Entwicklung untergraben. Nach Jahrzehnten voller Putsche, Coups und Militärdiktaturen wurde Nigeria 1999 eine Demokratie – aufgebaut als föderale Republik nach US-Vorbild. 

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Nigerias Präsident Goodluck Jonathan (L) und der ehemalige Militärmachthaber Muhammadu Buhari kandidieren für das Präsidialamt.

    Erstmals echte Präsidentschafts-Wahl in Nigeria

    Aus Echo der Zeit vom 26.3.2015

    In Nigeria wird am Samstag entschieden, wer künftig das Land regiert. Es ist der zweite Anlauf, denn aus Furcht vor Anschlägen der Terrormiliz Boko Haram wurde die Wahl zuletzt verschoben. Seither scheint sich die Lage verbessert zu haben.

    Patrik Wülser

  • Wahlpropaganda in einem Slum der nigerianischen Hauptstadt lagos. Am Wochenende finden Wahlen statt.

    Islamistische Machtdemonstration vor den Wahlen in Nigeria

    Aus Rendez-vous vom 25.3.2015

    Die islamistische Miliz Boko Haram hat im Nordosten Nigerias die Stadt Damasak überfallen, zahlreiche Menschen getötet und ein weiteres Mal Frauen und Kinder verschleppt, von 500 Entführten ist diesmal die Rede.

    Patrik Wülser

  • «Ein Nigerianer ist wie ein Leprakranker. Der muss auch mit seiner fauligen Hand essen», sagt ein geflüchteter Lehrer in der Reportage.

    Misswirtschaft und Terror in Nigeria

    Aus Echo der Zeit vom 19.2.2015

    Anschläge, Überfälle und Entführungen gehören mittlerweile zum Alltag der grössten Volkswirtschaft in Afrika. Kürzlich verschob das Land die Präsidentschafts-Wahlen um sechs Wochen. Die Misere alleine als Werk der islamistischen Miliz Boko Haram darzustellen, greift aber zu kurz.

    Die Wurzeln des Übels reichen wesentlich tiefer. Die Reportage.

    Patrik Wülser