Ja zu Referendum in der Türkei «Viele Deutschtürken kennen ihr Land nur aus den Ferien»

Auffällig viele Deutschtürken haben Ja gesagt zu Erdogans Präsidialsystem. Das bedeute aber nicht, dass sie schlecht integriert seien, sagt Kristian Brakel, Beobachter in Istanbul.

SRF News: Viele Deutschtürken leben in demokratischen Verhältnissen, wollen im Heimatland aber ein autoritäres System. Zeugt das von schlechter Integration?

Kristian Brakel: Wenn wir Umfragen und Statistiken glauben dürfen, ist das nicht der Fall. Es gibt sicherlich Probleme bei der Integration. Aber in einigen Umfragen sagen bis zu 90 Prozent der Deutschtürken, dass sie sich relativ gut integriert fühlen.

Der Urnengang in Deutschland in Zahlen

  • Es leben 3,5 Millionen Türken in Deutschland.
  • 1,4 Millionen von ihnen sind wahlberechtigt.
  • Etwa die Hälfte von ihnen hat abgestimmt.
  • Rund 440'000 (60 Prozent) stimmten Ja.

Ist das Referendum also ein schlechter Gradmesser für die Integration?

Es gibt viele Gründe, weshalb die Leute Ja gestimmt haben. Nicht alle haben damit zu tun, wie gut die Deutschtürken integriert sind. Es gibt welche, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, dort leben und sehr gut Deutsch sprechen. Sie haben einen Job, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und haben trotzdem Ja gestimmt, weil sie die AKP gut finden. Das lässt sich nicht einseitig erklären.

Was hat sie dazu bewegt, Präsident Erdogan mehr Macht zu verleihen?

Auch Leute, die sich in Deutschland angekommen fühlen, sagen, dass sie sich mit der Türkei noch eng verbunden fühlen. Doch viele von ihnen kennen das Land nur aus wenigen Wochen Ferien pro Jahr, die sie mit gleichgesinnten Freunden und Familienmitgliedern verbringen. Viele haben immer noch ein Bild der AKP aus der Zeit der Nullerjahre. Damals war Erdogan ein grosser Reformer, der viel Gutes, Neues eingeführt hat im Land. Es ist noch nicht bis zu ihnen durchgesickert, dass sich die Türkei und Erdogans Politik in den letzten Jahren massiv verändert haben.

«  Es ist noch nicht bis zu ihnen durchgesickert, dass sich Erdogans Politik massiv verändert hat. »

Deutsche Medien berichten doch regelmässig über die Lage in der Türkei?

Das ist ein Phänomen, das wir auch im Trump-Zeitalter immer öfter sehen: Die Filterblasen. Natürlich konsumieren viele Leute türkisch- oder deutschsprachige Medien, die aus der Türkei gesteuert werden. Gleichzeitig nimmt aber auch die Ablehnung von deutschen sogenannten Mainstream-Medien zu. Viele sagen, wenn in den deutschen Medien immer negativ über die Türkei berichtet wird, entspricht das nicht ihrer eigenen Wahrnehmung, also kann das gar nicht wahr sein. Da entsteht eine Verzerrung. Und es gibt in den deutschen Medien eine gewisse Obsession mit Erdogan. Er provoziert es geradezu, dass man über ihn schreibt. Das führt dazu, dass die Türken den Eindruck haben, es werde auf ihrem Land herumgehackt. Viele können das nicht mit ihrem Patriotismus in Einklang bringen.

Wo sehen Sie dennoch Defizite in der deutschen Integrationspolitik?

Die Diskussion über Integration wurde in Deutschland erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in aller Ernsthaftigkeit geführt. Davor herrschte die Einstellung, die Leute passen sich irgendwie an, das wird schon klappen. Wenn sie sich nicht anpassen, regen wir uns vielleicht auf. Aber vieles wurde nicht so gezielt gesteuert. Nach 9/11, als es vor allem um Muslime ging, ging eine hysterische Diskussion los, die auch nicht immer hilfreich war. Und nun kommen wir langsam in einen Bereich, in dem wir diskutieren, dass Integration nicht einfach ist und natürlich nicht automatisch geschieht. Und dass wir in Deutschland auch Probleme haben.

«  Die Veränderung der Aufnahmegesellschaft besteht nicht nur darin, dass es jetzt Döner zu kaufen gibt. »

Es gibt zum Beispiel das Problem, dass Leute in der dritten Generation hier sind und immer noch nicht anständig Deutsch können. Aber es wird auch darüber gesprochen, was das für die Mehrheitsgesellschaft bedeutet. Es war ganz lange – und ist zum Teil noch immer – ein Tabu in Deutschland, dass sich nicht nur Neuankömmlinge verändern und anpassen, sondern dass sich auch die Aufnahmegesellschaft verändert. Dies besteht nicht nur darin, dass es jetzt Döner zu kaufen gibt. Das geht etwas tiefer und kann auch Konflikte hervorrufen.

Das Gespräch führte Walter Müller.

Kristian Brakel

Kristian Brakel

Der deutsche Islamwissenschaftler leitet die Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. Zu seinen Fachgebieten gehören unter anderem der Friedensprozess in Nahost, die Türkei und die Kurdenfrage sowie die Jugend in der arabischen Welt.