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International «Viele Griechen fühlen sich gedemütigt und sind aufgebracht»

Ab heute stehen die Griechen nicht ganz unerwartet vor geschlossenen Banken. Die Schuld dafür gibt die Regierung Tsipras der Europäischen Zentralbank und hofft so, beim geplanten Referendum zu punkten. Die Rechnung könnte nicht aufgehen, sagt Journalistin Corinna Jessen in Athen.

Griechen vor geschlossener Bank in Athen.
Legende: Die Massnahmen im Geldverkehr kommen nicht unerwartet. Viele haben so gut als möglich vorgesorgt. Keystone

Wie kommen die jüngsten Massnahmen und Äusserungen der Regierung Tsipras im griechischen Schuldendrama an und wie reagiert die Bevölkerung? Einschätzungen von Corinna Jessen, freie Journalistin in Athen.

SRF News: Warum schliesst die griechische Regierung nun die Banken?

Corinna Jessen: Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis haben die gestrige Entscheidung damit erklärt, dass die Europäische Zentralbank die Nothilfen für die griechischen Banken nicht weiter angehoben habe. Die EZB wolle so das griechische Volk erpressen, damit es beim geplanten Referendum am kommenden Sonntag im Sinne der Kreditgeber stimme.

Ohne diese Schuldzuweisung ist die schlichte Antwort aber: Das Hilfsprogramm für Griechenland läuft am Dienstag aus. Da alle Verhandlungen über eine Verlängerung erfolglos geblieben sind, haben die Griechen aus Angst vor dem Staatsbankrott viel Geld abgehoben. Den Banken geht also das Geld aus, und sie müssen es im Land halten.

Was bedeuten die geschlossenen Banken für die Griechen und was für die ausländischen Touristen?

Ab heute bleiben die Banken für mindestens sechs Arbeitstage geschlossen. Sie öffnen erst wieder am Dienstag, 7. Juli. Ab dem morgigen Dienstag sind immerhin die Geldautomaten wieder offen. Allerdings können Inhaber griechischer Konten dann nur einen täglichen Höchstbetrag von 60 Euro mit ihren Kredit- oder EC-Karten abheben. Überweisungen ins Ausland am Bankschalter und per Online-Banking werden wohl auf unbegrenzte Zeit eingeschränkt. Wie genau, ist noch nicht klar.

Für Touristen ist nur der heutige Tag schwierig. Ab Morgen können Besucher mit Konten im Ausland mit ihren Karten unverändert Geld abheben. Das wirkt sich also nicht auf den Tourismus aus. Die Griechen ihrerseits sind bisher noch sehr gefasst. Es gibt keinerlei Panik. Sie haben damit gerechnet und seit längerem für Bargeldreserven gesorgt. Trotzdem empfinden viele Griechen die Massnahmen als demütigend und sind sehr aufgebracht.

Die Regierung Tsipras gewinnt nun ein bisschen Zeit. Wie geht es weiter?

Abgesehen davon, dass diese Kapitalverkehrskontrollen aufgrund der mangelnden Liquidität der Banken unausweichlich waren, spekuliert die griechische Regierung darauf, die Kreditgeber als erpresserisch hinstellen zu können. Damit wollen sie im Hinblick auf das Referendum punkten, sofern es tatsächlich stattfindet. Da gibt es berechtigte Zweifel.

Das Kalkül der Regierung kann aber sehr wohl nach hinten losgehen, wenn vor allem Unternehmer und kleine und mittelständische Geschäftsleute lahmgelegt werden. Angst und Wut wachsen. Wenn das der Fall ist, wird sich das Ganze wahrscheinlich gegen die Regierung richten. Also wenn den Menschen immer klarer wird, dass die Regierung offensichtlich nicht davor zurückschreckt, das Land aus dem Euro und aus Europa zu führen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Corinna Jessen

Corinna Jessen bei TV-Schaltung nach Athen mit Mikrofon.

Corinna Jessen ist freie Journalistin in Athen, Korrespondentin für mehrere deutschsprachige Tageszeitungen und Mitarbeiterin des ZDF. Sie ist in Athen geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie in Deutschland.

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32 Kommentare

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  • Kommentar von Herbert Hegner, 8856 Tuggen
    Auch hier gilt wieder: Über das Grundproblem spricht niemand. Der Grund für die Misere ist schlicht und einfach das System des IWF und der Weltbank. Die Griechen haben nur Kredite bekommen, um die Zinsen der Weltbank zu zahlen. Und sie haben ein vielfaches an Zinsen bezahlt. Warum regt sich hier überhaupt jemand über das Theater auf? Das ist eine Zinseszinskurve, und die Schulden aller Länder sind nicht zurück zu zahlen. Niemand kann das. Darum kommt der Crash, und/oder der Krieg.
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    1. Antwort von Jens Brügger, Schaffhausen
      Sie sind nicht der Einzige, der das so sieht. Aber man siehts ja an den Kommentaren, das viele das Spiel einfach nicht durchschauen.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    Die Griechen ein "stolzes Volk" das auf anderer Leute Kosten leben will? Ich an ihrer Stelle und unter einer kommunistisch-faschistischen Regierung würde mich da eher zum Lumpenproletariat rechnen.Die Griechen haben doch selbst ständig Regierungen gewählt, die ihnen Wohltaten zukommen ließen, die sie mit ständig wachsenden Schuldenbergen finanzierten. Wo blieben da die Kontrollmechanismen der Demokratie oder kritische Medien? Das ist doch eine Versagernation erster Güte.
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    1. Antwort von Hans Haller, im Ausland
      Für einmal haben Sie gar nicht so unrecht. - Doch denken Sie auch bitte daran: "WER hat dieses Griechenland, mit all der allseits bekannten Problemen, denn letztlich doch in die EU und in den EURO aufgenommen?" Wohlverstanden bitte, WER genau und WARUM und welches Ziel wurde damals verfolgt? Es gibt bei uns ein Sprichwort. "Mitgegangen heisst Mitgefangen !" Sich jetzt nur noch beschweren und sich beklagen greift einfach zu kurz. Eine seröse Selbstreflektion ist angesagt.
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    2. Antwort von Jens Brügger, Schaffhausen
      Jaja, und die Deutschen lassen sich von einem Österreicher 'führen'? Wenn die Griechen eine Versagernation sind, wie würden sie denn ihre eigene Nation bezeichnen? Schöne US-Basen habt ihr in DE...
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  • Kommentar von Hans Valer, Luzein
    Was hier nie zur Sprache kommt, die Griechen mussten im 20Jh. noch viel mehr untendurch. Man denke an die Besatzung der Nazis, den darauffolgenden Bürgerkrieg und die Militärdiktatur 1967-1974 mit tausenden von Opfer. So gesehen ist es verständlich, dass die Griechen auch mal gut leben wollten.
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