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International «Viele Griechen glauben Tsipras nicht mehr»

SRF-Korrespondent Philipp Zahn über den schwierigen griechischen Alltag, die Tsipras-Gegner und die linke Solidarität.

Legende: Video Ungewissheit in Athen abspielen. Laufzeit 7:07 Minuten.
Aus 10vor10 vom 01.07.2015.

SRF News: Gestern sprachen in Griechenland viele Beobachter von der Stunde null. Wie sieht die Lage vor Ort heute Vormittag aus?

Philipp Zahn: In Athen ist die Lage ruhig. Viele Menschen bleiben zu Hause, selbst im Zentrum ist wenig los. Viele Geschäfte sind leer – das normale Geschäftsleben ist zum Erliegen gekommen. Es werden momentan fast nur Lebensmittel und Treibstoff gekauft.

Das könnte fatale Folgen haben.

Das ist so. Es ist der Todesstoss für die Wirtschaft. Momentan zahlt hier fast niemand seine Rechnungen. Alle warten ab. Das Online-Banking wird kaum mehr genutzt. In Griechenland geht nun die Angst um, dass auch die Importe einbrechen könnten. Nach Angaben des griechischen Aussenhandelsverbandes rechnet man nach der ersten Woche der Kapitalverkehrskontrollen mit einem Rückgang der Importe um 600 Millionen Euro. In den nächsten zwei Wochen befürchtet man, dass die Wareneinfuhr nach Griechenland um etwa 30 Prozent sinken wird. Viele wichtige Arzneimittel werden bereits jetzt von den Importeuren zurückgehalten.

Alle blicken gespannt auf das Referendum am Sonntag. Wie sehen die neuesten Umfragen aus?

Die Nein-Wähler werden weniger. Die Menschen spüren mittlerweile die Geldknappheit am eigenen Leib. Die langen Schlangen vor den Banken sind erniedrigend. Die Ladenbesitzer oder die Menschen im Tourismus haben Existenzängste. Viele Griechen glauben Tsipras nicht mehr, dass ein Nein ihre Verhandlungsposition in Brüssel stärken würde. Die Angst ist gross, dass das Land vollends verarmt. Das wird dazu führen, dass in den nächsten Tagen mehr Leute ins Ja-Lager wechseln und den Dialog mit Europa suchen wollen. Es kann sein, dass es am Wochenende zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen kommt und schliesslich die Mehrheit die europäische Sparpolitik befürwortet. Die Menschen sind hin und her gerissen. Einerseits sind sie arg enttäuscht von der EU, andererseits haben sie grosse Zukunftsängste.

Kann es sein, dass das Referendum noch in letzter Minute abgesagt wird?

Die Menschen in Athen wissen, dass sie am Sonntag über die Zukunft des Landes entscheiden. Ein Nein würde aller Voraussicht nach das Ende Griechenlands im Euro bedeuten. Dementsprechend versucht die griechische Opposition verzweifelt, das Referendum noch in letzter Minute zu Fall zu bringen. Heute wird beim Verwaltungsgericht eine Klage gegen das Referendum eingereicht. Der Hauptvorwurf: Die Abstimmung sei zu kurzfristig angesetzt worden. Morgen wird darüber entschieden.

Die Gegner von Tsipras bringen sich schon in Position.

Der ehemalige Premier Antonis Samaras hat gestern bereits eine Medienkonferenz zur politischen Zukunft des Landes abgehalten. Falls Tsipras das Handtuch wirft, soll eine Allparteien-Notregierung bereit stehen. Da es nicht sofort Neuwahlen geben könnte, wäre diese Allparteien-Regierung der Opposition in den kommenden Wochen der neue Ansprechpartner für die EU.

Das Plakat des Nein-Lagers.
Legende: Das Plakat des Nein-Lagers mit grimmigem Schäuble-Konterfei: «Fünf Jahre saugte er unser Blut aus, sag ihm jetzt Nein». Keystone

Gibt es heute wieder Grossdemonstrationen?

Heute Abend werden die Sparprogramm-Befürworter wieder eine Kundgebung auf dem Syntagmaplatz abhalten. Aber auch die Gegner machen mobil. Am Wochenende werden Sympathisanten aus ganz Europa in Athen erwartet – unter anderen der Italiener Beppe Grillo. Viele Linke wollen Griechenland in diesen schweren Stunden nicht alleine lassen und bilden eine Allianz gegen die Sparpolitik von Angela Merkel.

Das Interview führte Benedikt Widmer.

«DOK» zu Griechenland

Flagge von Griechenland

Griechenland steht am Abgrund – doch wie konnte es so weit kommen? «DOK» geht dieser Frage nach und zeigt die Hintergründe. «Griechenland, Stunde Null»

Knappes Rennen

In Griechenland zeichnet sich einer neuen Umfrage zufolge ein knappes Rennen bei der Volksabstimmung am Sonntag ab. 47,1 Prozent der Befragten würden für «Ja» stimmen. 43,2 Prozent wären dagegen. Das ergab die Befragung im Auftrag der konservativen Zeitung «Eleftheros Typos».

13 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    Bei Zahlungsausfall : EFSF widerspricht Österreich: ESM haftet nicht für Griechen-Kredite. Nun, wer ist denn der geschädigte ? IWF hat 1,5 Milliarden ausstehend, die EZB aber über 70 Milliarden (nur bei GR), und dabei haftet Deutschland mit 500 Milliarden für alle Krisenländer. Der Crash ist im anrollen und keiner will schuldig sein, bezahlen soll der Andere. Es scheint der Dominoeffekt ist kaum mehr aufzuhalten.
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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    Es ist eine Katastrophe, seit Jahren hat Griechenland das Spardiktat der Troika über sich ergehen lassen aber es wurde immer schlimmer, und nun rechnet uns der IWF vor dass Griechenland in den nächsten drei Jahren 50 Milliarden mehr noch 100 Milliarden € (hat man nachgereicht) braucht . Ist es das was die Trioika wollte ? 100 Milliarden zusätzlich, das heisst Grexit und Unterstützung auf allen Ebenen.. IWF und EZB fragen sich wie es soweit kommen konnte. Merkel ist bleich.
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  • Kommentar von Freddy Toblet, ZH
    Der Titel dieses Artikels könnte auch lauten: "Viele Griechen glauben Tsipras noch", beide beziehen Stellung und sind somit nicht neutral. Langsam stört mich diese Meinungsmache, von Schlagzeilen, von einseitiger Berichterstattung, von Wahlumfragen. Seriös wäre Hintergrundwissen zu liefern und erst Stellung zu beziehen nach den Wahlen, es ist 50/50.
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    1. Antwort von Gloria, Basel
      Interessant ist das die Meinungsmache gleich finanziert wird wie die Bankenrettung, sozialisierte kostenteilung, oder anderst, ich bezahle um mit Propaganda zugemüllt zu werden und um durch das (unmögliche) Zinsensystem dafür zu sorgen das die Schere weiter aufgeht, lokal und global.
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