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Viele Morde in London «Banden spielen eine grosse Rolle»

Legende: Audio Mehr Morde in London als in New York abspielen. Laufzeit 06:10 Minuten.
06:10 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.04.2018.

Am Montagabend sind im Norden Londons zwei Jugendliche unabhängig voneinander erschossen worden. Sie sind das 47. und das 48. Opfer von Tötungsdelikten in der Stadt seit Anfang Jahr. Sollte das so weitergehen, würde London dieses Jahr die höchste Mordrate seit 2005 verzeichnen. Für SRF-Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth ist das «besorgniserregend».

Martin Alioth

Martin Alioth

Grossbritannien- und Irland-Korrespondent, SRF

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Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

SRF News: Ist London in den letzten Jahren ein gefährliches Pflaster geworden?

Martin Alioth: Die Zahlen sprechen für sich. Letztes Jahr verzeichnete London 116 Gewaltverbrechen mit tödlichem Ausgang. Dieses Jahr sind wir jetzt schon bei nahezu 50. Diesen Januar starben so acht Leute in London, im Februar 15, im März 22 und im noch jungen April bereits drei.

Die beiden Jugendlichen wurden in den Quartieren Tottenham und Walthamstow getötet. Gehören diese zu den besonders gefährlichen Gebieten?

Das kann man so sagen. Es sind Quartiere, die von ethnischen Minderheiten geprägt und relativ arm sind. In diesen Quartieren und ganz besonders – man darf das oft aus politischer Korrektheit nicht so laut sagen – unter der schwarzen Minderheit blüht auch die Bandenkriminalität. Da spielen Banden, die in den Drogenhandel verwickelt sind, eine grosse Rolle. Die Gewalt ist stark von Stichwaffen geprägt. Die beiden letzten Opfer wurden zwar erschossen, aber das Hauptproblem sind Messer.

Eine Polizistin in Uniform und ein Beamter im Schutzanzug.
Legende: Die Polizei untersucht einen Tatort im Londoner Quartier Tottenham. Keystone

Sind die Banden der Hauptgrund für den Anstieg der Kriminalität in London?

Nicht für den Anstieg. Es gibt sie schon lange. Die grossen Unruhen, die 2011 namentlich in London stattfanden, waren auch von Banden geprägt.

Die Bestände bei der Polizei wurden abgebaut.

Es gibt bei einem derart komplexen gesellschaftlichen Problem natürlich weitere Ursachen. Ein Punkt ist ganz bestimmt die Sparpolitik der letzten acht Jahre, die von der Zentralregierung kommt. Bei der Polizei wurden die Bestände abgebaut, und soziale Dienste für gefährdete Jugendliche wurden zusammengestrichen.

Führt das zu Diskussionen in der britischen Politik?

Natürlich. London wählt noch immer links, also Labour. Die meisten Stadtteile werden also von Unterhaus-Abgeordneten vertreten, die in der Labour-Partei sind. Diese nehmen die Gelegenheit wahr, auf die Regierung einzudreschen. Sie werfen ihr Kaltherzigkeit und soziale Kälte vor, weil sie sowohl Sicherheitsmassnahmen als auch soziale Dienste abbaue.

Mehr Tötungsdelikte in London als in New York

Erstmals hat London die US-Metropole New York bei der Zahl der Tötungsdelikte übertroffen: Im Februar 2018 wurden in der britischen Hauptstadt laut Polizeistatistik 15 Menschen getötet, in New York gab es 14 Opfer. Im März wurden in London 22 Morde gezählt und damit wiederum einer mehr als in New York.

Ist es denn so einfach?

Nein. Die heutige Premierministerin Theresa May hat in ihrer Zeit als Innenministerin die Durchsuchung von verdächtigen Jugendlichen auf der Strasse ohne dringenden Anlass gestoppt, weil das zu Spannungen zwischen den Minderheiten und der Polizei führte. Und jetzt ist das Thema wieder auf dem Tapet. Es stellt sich die Frage, ob mit mehr Kontrollen diese Messer-Kultur eingedämmt werden könnte. Also kann man es als Regierung eigentlich gar nicht recht machen.

Das Gespräch führte Miriam Knecht.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Was sicher zur Beruhigung einer Gegend führt, nebst einer 'Revolution', die zu einer gerechteren Verteilung von Arbeit, Reichtum und Möglichkeiten ein gutes Leben zu führen führt, ist erwiesenermassen ....wenn die Bobbies, wieder Bobbies sind. Genügend viele, nicht Weggesparte von idiotischen neolithischen Kapitalisten. Letztere können sich links wie luise bezeichenen. Bobbies, die wieder zu Fuss unterwegs sind, die, die Menschen, die Strassen kennen und die Menschen sie kennen .....
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  • Kommentar von Wendy Mueller (Wendy E.)
    Kriminelle bekommen in England einfach so eine Waffe und ein Gesetzestreuer Bürger hat keine Chance. Hab 7 Monate in London gelebt und es ist nicht so gefährlich. War mal in der Nacht im Gebiet Tottenham und laut Polizei soll man nicht dorthin gehen. Ist angeblich sehr gefährlich. Naja konnte davor nix merken. Zürich ist einiges gefährlicher und wurde schon öfter angegangen und in London noch nie.
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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Jeder der in London ist und ein kleines Stück aus dem Zentrum raus geht sieht und erlebt das die Britten eine Minderheit sind.Es ist ja nicht nur London sondern auch in anderen Städten wo keiner darüber spricht weil man ja rechts sein könnte.
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    1. Antwort von Henri Jendly (Henri Jendly)
      Die Britten gibt es nicht, Herr Geschler: es sind wenn schon Engländer, aber in jedem Fall «Briten». Zum Anderen glaube ich nicht, dass Sie rechts sein könnten, Sie sind es! London ist ein Schmelztiegel der Kulturen, war es, ist es und wird es immer sein. Die Londoner haben damit kein Problem, nur die Landpomeranzen, die Ausländer oft nur aus dem TV oder der Zeit kennen (wie Sie?). Aber: London hat mehr Einwohner als die Schweiz, da gibt es natürlich viele Krisenherde!
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    2. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      HerrJendly,ich bin genug in London.Die Bevölkerung hat schon ein Problem.Sie sollten mal ca.2 km vom Zentrum die Augen aufmachen und die Probleme sehen.Mit der Einwohnerzahl gegenüber der Schweiz kann man diese Zustände in London nicht entschuldigen.
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    3. Antwort von Astrid Meier (Swissmiss)
      Die Briten sind halt nach Asien, Afrika, Australien und Amerika gereist, um Rohstoffe und billige Arbeitskräfte auszubeuten. Und nicht wenige der als Busfahrer, Reinigungspersonal, Bauarbeiter und Billiglöhner importierten nicht-Briten sind halt geblieben und haben in den sozial prekären Verhältnissen in denen sie leben Familien gegründet. Einige dieser Kinder haben es allerdings doch zu Abgeordneten und Stadtpräsidenten gebracht. England ist nicht mehr weiss, das stimmt schon.
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    4. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      Frau Meier,Enggland muss genauso wenig weiss bleiben wie Afrika schwarz.Das Problem des organisierten Verbrechens breitet sich über Calais aus und betrifft einige Städte in England.
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    5. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Gerschler: Kein Thema zu weit entfernt als dass man nicht noch ein bisschen Flüchtlingsbashing einbauen könnte? Die Minderheiten in Grossbritannien, speziell in den Grossstädten sind und waren immer Briten mit Britischem Pass, weil sie aus den Kolonien stammen. Die kamen seit den Zeiten von Königin Viktoria, haben also mit der aktuellen Flüchtlingsfrage nichts zu tun.
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