Vier Jahre Südsudan – eine ernüchternde Bilanz

Im Dezember 2013, nachdem Präsident Salva Kiir seinen früheren Vize Riek Machar eines Putschversuchs bezichtigt hatte, sind im Südsudan heftige Kämpfe aufgeflammt. Spätestens seitdem ist klar: Die ethnischen Rivalitäten wurden bei der Gründung des Staates vor vier Jahren unterschätzt.

Ein Soldat steht vor einer Fahnenstange, an der eine südsudanesische Flagge weht.

Bildlegende: Laut UNO leiden fast acht Millionen Menschen in Südsudan Hunger, zwei Millionen wurden vertrieben. Keystone

Schwitzende junge Männer beladen unter der Mittagssonne einen Lastwagen mit Getreidesäcken. Ihre Arbeit ernährt gegen zwei Millionen Menschen. Vor den Depots des UNO-Welternährungsprogramms WFP in Juba im Südsudan werden Reis, Zucker und Getreide aus der kenianischen Stadt Mombasa verpackt und verladen.

Hier beginne der beschwerliche Teil der Reise, erklärt Georg Fomyinen, der Logistikchef des WFP: «Damit sie eine Vorstellung der Situation im Südsudan haben: Während der Regenzeit werden 60 Prozent des Landes praktisch unpassierbar. Auf den Pisten gibt es für Lastwagen fast kein Durchkommen mehr.»

Das bedeutet in dieser Bürgerkriegssituation, dass die umkämpften Regionen im Norden für das WFP fast unerreichbar sind. Im jüngsten Staat der Welt, der 15 Mal so gross ist wie die Schweiz, gibt es gerade mal 3000 Kilometer asphaltierte Strassen. Die Reise in die nördlichen Teile des Landes kann deshalb bis zu sechs Wochen dauern. Der Regen und die Rebellen machen die Reise zur Tortur.

Teure Lufttransporte mangels Strassennetz

Viele Lastwagen kommen nie am Ziel an und kehren oft nicht mehr zurück. «In den umkämpften Regionen werfen wir die Nahrung deshalb aus Flugzeugen ab. Das ist sicher, aber auch teuer», so Fomyinen. Der Lufttransport von Nahrung kostet rund zehn Mal so viel wie der Landweg. Im Südsudan, der vor vier Jahren gegründet wurde, ist heute rund die Hälfte Bevölkerung von Hunger bedroht.

Der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem früheren Vizepräsident Riek Machar dauert nun schon fast zwei Jahre und hat das Land ins Chaos getrieben. Beide Fraktionen kämpfen entlang ethnischer Konfliktlinien erbittert um die Macht und die Kontrolle der Ölgebiete, die vor allem im Norden des Landes liegen.

Grausame Kindermorde an der Tagesordnung

Regelmässig treffen sich Kiir und Machar zu Waffenstillstandsverhandlungen. Jedes der bis heute acht unterzeichneten Abkommen wurde nach kürzester Zeit gebrochen, und die Grausamkeit des Konflikts scheint laufend zuzunehmen. Vor zwei Wochen veröffentlichte Anthony Lake ein verstörendes Dokument.

Was er zu berichten habe, sei unaussprechbar, sagte der Generaldirektor des Kinderhilfswerks Unicef. Trotzdem müsse darüber geredet werden: «Allein in Unity State wurden innerhalb von drei Wochen gegen 150 Kinder ermordet. Knaben wurden kastriert und sind anschliessend verblutet. Achtjährige Mädchen wurden mehrfach vergewaltigt und dann getötet. Gruppen von Kindern wurden aneinander gefesselt und mit einem Kehlschnitt ermordet.»

Man geht davon aus, dass rund 13'000 Kinder von Rebellen als Soldaten zwangsrekrutiert wurden. Lake appellierte im Namen der Menschlichkeit an die Konfliktparteien, diese Grausamkeiten zu stoppen. Die Regenzeit wird die Regierungsarmee und die Rebellen für einige Wochen zur Waffenruhe zwingen – aber spätestens mit der Trockenzeit wird der Bürgerkrieg wieder aufflammen.

Angst, auf die Felder oder auf den Markt zu gehen

Mit der Trockenzeit kommt auch die Dürre. Das ist eine der Sorgen von Georg Fomyinen vor dem Lagerhaus in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. Er braucht Nachschub, denn mit der Dürre kommt der Hunger: «Wir haben hier eine Notfallsituation. Deshalb hoffen wir, dass die Weltöffentlichkeit nicht vergisst, dass der Südsudan unsere Hilfe mehr denn je benötigt. Wir brauchen weiterhin Nahrungsmittellieferungen, damit wir Frauen und Kinder mit versorgen können.»

Der jüngste Staat der Welt braucht Nahrung – aber eigentlich würde sich der aus Ghana stammende WFP-Logistikchef etwas ganz anderes wünschen: «Was wir dieser ganzen Übung vorziehen würden, ist, dass die Leute sich selber ernähren könnten.» Es sei zwar nicht so, dass es im Südsudan keine Nahrung gebe: «Das Land ist fruchtbar und grün. Aber die Märkte sind geschlossen, weil sie zerstört wurden, weil sich die Leute nicht mehr auf die Felder wagen, weil sie vertrieben wurden.» Die einzige vernünftige Lösung des Problems sei deshalb Frieden.