Virtueller Kalter Krieg

Die USA werden vermehrt durch Hacker angegriffen. So steht es in einem Bericht des Weissen Hauses. Am Pranger: China und Russland. Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom erklärt, warum die USA gerade jetzt die Öffentlichkeit informieren.

Hände eines Mannes auf einer Computertastatur vor einem Computerbildschirm

Bildlegende: In der virtuellen Welt tobt ein Spionagekrieg um Informationen. Reuters/Archiv

Eine Welle von Hackerangriffen hat die US-Regierung aufgeschreckt. Twitter, Google, Lockheed Martin oder auch Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post – sie alle sind Opfer von Cyberattacken geworden.

Die Sicherheitsfirma Mandiant hatte am Dienstag einen Bericht veröffentlicht, der eine Spezialeinheit der chinesischen Armee beschuldigt, für viele der Angriffe verantwortlich zu sein. Einen Tag später publizierte die Regierung in Washington einen Bericht, der China für 188 Hackerangriffe verantwortlich macht. In 45 Fällen sei Russland der Urheber.

Für den Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenboom, Leiter des bayerischen Forschungsinstitutes für Friedenspolitik, ist die Schuldfrage nicht so leicht zu klären, denn es sei sehr schwer den Ursprung von Cyberattacken zu lokalisieren. Aber: «Russland und China sind natürlich nicht die einzigen, die Wirtschaftsspionage betreiben, aber sie sind die Vehementesten», erklärte er im Gespräch mit SRF News Online.

Timing der Veröffentlichung kein Zufall

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung sei von Seiten Washingtons bewusst gewählt worden, behauptet der Geheimdienstexperte. Die USA wollen mit der Europäischen Union ein Freihandelsabkommen abschliessen. In diesem möchte Washington protektionistische Massnahmen gegenüber Peking durchsetzen, sagt Schmidt-Eenboom. Deshalb sei es politisch geschickt, Peking gerade jetzt öffentlichkeitswirksam an den Pranger zu stellen.

Schmidt-Eenboom betont aber, dass China schon einen grossen Nutzen aus der Industriespionage zieht. «Wenn es darum geht die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse in kurzer Zeit in die eigene Produktion umzusetzen, sind die Chinesen weltweit spitze.»

Ausweitung der Cyberattacken

Erich Schmidt-Eenboom registriert eine Trendwende der Cyberspionage. Es gehe nun nicht mehr ausschliesslich um Industriespionage. Die Hacker brechen inzwischen auch virtuell in Medienhäuser ein, wenn sie nicht direkt in das System der Regierungsbehörden eindringen können. Ihr Ziel: Politische Informationen, die beispielsweise zwischen relevanten Journalisten und Politkern ausgetauscht werden. «Umwegaufklärung auf politischem Gebiet», nennt Schmidt-Eenboom diesen Weg.

Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking habe die chinesische Regierung so versucht, durch nachrichtendienstliche Massnahmen herauszufinden, wie es um das Image der Volksrepublik in der Welt bestellt ist.

Eine weitere Facette der Cyberangriffe sind laut Schmidt-Eenboom Sabotageakte. Für den Experten ist das ein Akt des Cyberwarfare, also des Cyberkrieges. «Die Amerikaner betreiben das als Forschungsprojekt ganz massiv, auch die israelischen Nachrichtendienste praktizieren das». Als Beispiel für Cyberattacken nennt Schmidt-Eenboom die Störungen in den iranischen Atomanlagen. «Auch die Chinesen entwickeln Möglichkeiten, hochindustrialisierte Gesellschaften an ihren verwundbarsten Punkten wie Stromversorgung oder Telekommunikatuon zu treffen.»

Weil alle «wesentlichen» Nationen über entsprechende cybertechnische Möglichkeiten verfügen, zieht Schmidt-Eenboom eine Analogie zur atomaren Abschreckung im Kalten Krieg. «Alle Seiten haben diese Waffen. Es hätte deshalb verheerende Folgen, wenn die grossen Nationen aufeinander losgehen würden.» Da sich alle dieser Situation bewusst seien, gehe es in erster Linie um Abschreckungsmethoden und weniger um die tatsächliche Auseinandersetzung.