Vom Bauern zum Parteichef

Zhou Zhenbo ist anders. Er hat etwas, was man bei chinesischen Politikern selten antrifft. Er besitzt Charisma. Und er wirkt locker, selbst im Umgang mit ausländischen Journalisten. Zhou ist einer der 3000 Delegierten am Volkskongress. Pascal Nufer spricht mit ihm über seine politischen Erfahrungen.

Wir treffen ihn in Peking. Es ist schon dunkel, und der Raum, den wir im offiziellen Medienzentrum des «Nationalen Volkskongresses» zugeteilt bekommen, wirkt etwas muffig. Er verstrahlt den Charme der kommunistischen Partei von vor etwa 20 Jahren.

Und dann trifft er ein: Zhou Zhenbo. Zusammen mit seiner Delegation ist er am Morgen früh aus Shanghai angereist, um die zweitgrösste Stadt Chinas am Nationalen Volkskongress als Abgeordneter zu vertreten.

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Zhou Zhenbo im Interview mit Pascal Nufer

2:42 min, vom 6.3.2016

Vorzeige-Genosse

Er, der in einem Dorf in der Provinz Hebei aufgewachsen ist, ohne Mutter, auf dem Bauernhof seiner Grosseltern, ist heute Parteichef vom drittgrössten Distrikt Shanghais. Er ist bekannt für seine Bodenständigkeit und gilt trotz seiner für Parteimitglieder offenen und kommunikativen Art als Vorzeigegenosse der Kommunistischen Partei Chinas.

Die Begrüssung ist herzlich. Ein fester Händedruck und ein herzhaftes Lachen. Das Eis bricht definitiv, als ich dem quirligen Politiker erzähle, dass ich zufälligerweise selber in Shanghai in dem Bezirk wohne, dem er als lokaler Parteichef vorsitzt.

Politkarriere dürfte noch weiter gehen

Als ich ihn dann etwas scherzhaft frage, ob er also der Mann sei, der auch meine Anliegen in Peking vertritt, lächelt er nur etwas verlegen. Auch sein Humor hat Grenzen.

Wir setzen uns ins leicht abgewetzte Sofa. Er spricht in Schwallen, lacht immer wieder und scheint sich nicht gross zu scheren, dass meine Chinesisch-Kenntnisse schnell an ihre Grenzen kommen, wenn er in Fahrt kommt. Meine chinesische Assistentin wirkt manchmal etwas verwirrt ob der ehrlichen und offenen Art des Politikers.

Immer wieder schimmert der Bauernsohn vom Land durch, der es wohl mit einer Mischung aus Schlitzohrigkeit und Hartnäckigkeit so weit nach oben geschafft hat. Seine Schulkarriere endete nach der Primarschule, doch seine Politkarriere dürfte wohl noch weiter gehen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Chinas Wirtschaftsmotor stockt

    Aus Tagesschau vom 5.3.2016

    Chinas Wirtschaft steckt in einer Krise. Der chinesische Ministerpräsident Li Kequiang stellte dem Volkskongress einen Fünfjahresplan vor, der die Chinesen auf den schwierigen Wirtschaftskampf vorbereiten soll.

  • In China gibt die Regierung auch das Wirtschaftswachstum vor

    Chinesische Planung in Fünf-Jahres-Schritten

    Aus Echo der Zeit vom 5.3.2016

    In Peking hat der Nationale Volkskongress begonnen. Ein neuer Fünf-Jahres-Plan soll verabschiedet werden. Was wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten klingt, ist in China noch immer aktuell. Allerdings nimmt es auch China nicht mehr ganz so streng mit den planwirtschaftlichen Vorgaben.

    Martin Aldrovandi