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International «Wären die Katalanen schwarz, wäre es ein Riesenskandal»

Im November wollen Katalanen Tatsachen schaffen und über das Verhältnis zum Zentralstaat Spanien, ähnlich wie die Schotten, abstimmen. Madrid bezeichnet das Vorgehen als illegal. Ein Wirtschaftshistoriker sagt hingegen, es sei inakzeptabel wie Spanien Katalonien ausbeute.

Die Fahne Kataloniens
Legende: Die Fahne der katalonischen Unabhängigkeitsbewegung weht schon – Madrid wehrt sich. Keystone

SRF: Ist Schottland, das am 18. September über seine Unabhängigkeit abstimmt, ein Vorbild für die Katalanen?

Hans-Joachim Voth: Natürlich. Vor allem auch die beispielhafte demokratische Einstellung der englischen Zentralregierung hat Vorbildfunktion in ihren Augen. Man erlaubt es den Schotten über ihr Schicksal abzustimmen. Das ist etwas, was im spanischen Fall bisher undenkbar erscheint.

Heisst das, man hofft in Katalonien auf ein schottisches Ja und damit auf Rückenwind für die eigene Unabhängigkeit?

Unbedingt. Den Katalanen fehlt ein bisschen der Mut: die Vorstellung, dass sie es wirklich schaffen können. Das schottische Beispiel ist sehr inspirierend. Man sieht, dass die Leute abstimmen dürfen, dass sie es sich zutrauen, unabhängig zu werden, dass das Ganze vielleicht wirtschaftliche funktionieren kann. Das könnte einen Dominoeffekt auslösen.

Wird man denn auch in Verhandlungen mit Madrid das schottische Beispiel ins Feld führen?

Viele Gespräche zwischen den Katalanen und der Zentralregierung gibt es nicht. Madrid stellt sich auf einen sehr legalistischen Standpunkt und sagt, das dürft ihr alles nicht. Das widerspreche der spanischen Verfassung. Das schottische Beispiel ist wichtig für die Motivation der Leute auf der Strasse. Aber der politische Prozess ist heikel. Die Katalanen werden wahrscheinlich ohne Genehmigung der Zentralregierung versuchen, die Abstimmung durchzuführen. Das kann zu Konflikten und Gewalt führen.

Sie sprechen die geplante Volksbefragung vom 9. November in Katalonien an. Aus Madrid heisst es jetzt schon, aufgrund der spanischen Verfassung sei eine solche Befragung rechtlich nicht möglich – und erst recht nicht bindend. Glauben Sie, dass es ein Fehler seitens Kataloniens wäre, das Referendum trotz Verbot Madrids durchzuführen?

Nein. Ein Volk hat das Recht abzustimmen und zu entscheiden, wie es weiter gehen will. Dazu braucht es keine Genehmigung. Die Vorstellung, dass dies jetzt im spanischen Prozess legalisiert und abgesegnet werden muss, ist völlig fehlgeleitet. Als die Amerikaner unabhängig wurden, haben sie auch nicht erst England um Erlaubnis gefragt.

Madrid stellt sich anders als London auf den Standpunkt der territorialen Integrität eines Staates: Nur Gesamtspanien könne darüber entscheiden, ob Katalonien unabhängig werden kann. Dieser Grundsatz ist ja auch in der UNO-Charta festgelegt. Hat man denn kein Verständnis für diesen Standpunkt?

Das ist völlig absurd. Weder in Kanada, wo man über Quebec hat abstimmen lassen, noch in Grossbritannien wo man nun über Schottland abstimmt, gibt es die Vorstellung, dass der Gesamtstaat darüber abstimmt, ob eine Teilregion sich verabschieden darf. Das ist wie in den Ehen. Früher haben wir Scheidungen schwer möglich gemacht. Da mussten beide Seiten zustimmen, auch wenn etwa der Mann die Frau verprügelt hat. Heute reicht es, wenn einer sagt, ich habe die Schnauze voll, ich gehe. Auf diesem Standpunkt sind die Spanier bis heute nicht angekommen.

Trotzdem: Wenn Madrid sich quer stellt, wird es wahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht möglich sein, dass Katalonien sich ganz abspaltet?

Das hätte man wahrscheinlich auch über die Unabhängigkeit Irlands oder Indiens gesagt. Wenn die Katalanen schwarz wären, würde jeder sofort sagen, das ist Kolonialismus in Europa. Es ist völlig inakzeptabel, dass man Leute gegen ihren Willen ausplündert, ihre Kultur mit Füssen tritt, sie als Minderheit missachtet und sie dann nicht mal darüber entscheiden lässt, ob sie damit einverstanden sind. Spanier behandeln Katalonien so wie die Belgier den Kongo behandelt haben. Nur weil sie weiss sind, ist es kein Riesenskandal.

Hans-Joachim Voth

Hans-Joachim Voth
Legende: ZVG

Der studierte Ökonom und Historiker lehrte an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. Seit dem 1. Januar 2014 ist er an der Universität Zürich am Institut für Volkswirtschaftslehre tätig.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von David F., San Carlos de la Rapita (Katalonien)
    Herr Hans-Joachim man sieht, dass Sie eine klare Doktrine aus der katalanischen Regierung und nicht span.Geschichte studiert haben. Wann war Katalonien ein Reich? NIE!Katalonien vereinte sich zum Reich Aragon.Was bitte verbindet Katalonien mit dem Kongo. Katalonien war nie eine Kolonie und wurde auch nie erobert.Nicht Madrid verbietet ein Referendum durchzuführen.Das Gesetzt, welches von allen Regionen (inkl.Katalonien) unterschrieben wurde unterbindet dies.Ihr letzter Abschnitt sind lügen!!!
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  • Kommentar von Aston M., Basel
    Ich kann das Streben nach Unabhängigkeit der Katalanen nachvollziehen, jedoch finde ich diese Entwicklung sehr bedenklich für Europa. Spanien sollte ein Föderalistisches System a la Schweiz einführen, in dem alle Provinzen Spaniens, wie etwa Katalonien, autonom wären und ihre Steuer- und Budgetpolitik selbst steuern könnten. Damit wäre Katalonien gedient. Solange dies aber nicht der Fall ist, finanziert das wirtschaftsstarke Katalonien die wirtschaftsschwachen Provinzen. Eine Ungerechtigkeit.
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  • Kommentar von Marcos L., Bülach
    Spanien beutet Katalonien aus? Herr Voth, Sie vergessen, dass Katalonien die am meisten verschuldete Region in Spanien ist! Dass der neue Flughafen Barcelonas, Restaurierung vom Liceu de Barcelona, Erweiterung des Hafens Barcelonas, Schnellzug AVE, die Olympischen Spiele 1992 und und und...von allen Spaniern bezahlt wurden. Und der vergleich mit Kolonialismus ist einfach daneben. SRF täte gut auch mal die "andere Seite" zu interviewen. Immerhin sind das auch 50%
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    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      Schnellzuge AVE wurde auf Betreiben der Regierung Aznar forciert und RENFE mit der Realisierung der Anbindung aller Provinz-Hauptstätte beauftragt. Die Line wurde von Madrid nach Sevilla gebaut um eine leistungsfähige OeV zu der Expo-Stadt zu gewährleisten. Andererseits wurde, was viel wichtiger wäre, der Ausbau des übrigen Schienennetzes. So kann der Handelshafen von Valencia noch immer nicht Seefrachtcontainer effizient auf dem Schienenweg auf der iberischen Halbinsel transportieren.
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