Die Krise prägt Nordostengland – und damit die Wahlen

Von Boom und Aufschwung spricht die Tory-Regierung im Wahlkampf. Im Nordosten Englands ist von alldem nichts zu spüren. Enttäuschung und Frust gegenüber der Politik sind gross. Sogar Labour, hier einst unbestritten, muss um Parlamentssitze zittern. Ein Augenschein.

Das SSI-Stahlwerk in Redcar (Teesside).

Bildlegende: Das SSI-Stahlwerk in Redcar (Teesside). Einst arbeiteten hier 30‘000 Leute, jetzt sind noch 2000 beschäftigt. SRF/Joe Schelbert

Hier fuhr die erste Eisenbahn der Welt. Hier gab es Kohle und Erz und damit stählernen Fortschritt. Wenig ist davon geblieben im Nordosten Englands. Industrieruinen, Arbeitslosigkeit, leere Stadtkassen und eine spürbare Wut auf «London» prägen die Region.

Spitäler schliessen, Buslinien werden eingestellt und Zehntausende müssen sich – wenn sie denn überhaupt Arbeit haben – mit dem Minimallohn begnügen. Der versprochene Wirtschaftsaufschwung lässt auf sich warten. Selbst Labour – einst unbestritten – muss hier um Parlamentssitze bangen, während die nationalistische UKIP und die Grünen auf eine Protestwahl gegen die etablierten Parteien hoffen.

Der Aufschwung kommt nicht an

Dem Vereinigten Königreich geht es gut. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt. In keinem anderen grossen Industrieland wuchs die Wirtschaft im letzten Jahr so stark. Das Defizit des Staatsbudgets wurde innert fünf Jahren halbiert. Die tiefe Wirtschaftskrise scheint überwunden, die bürgerliche Regierung spricht im Wahlkampf gar von einem Boom, den sie auf ihre Politik zurückführt.

Die Stahlkocher John Baker, Paul Warren und Steve Readman im Gespräch mit Joe Schelbert vor dem Denkmal zur Wiedereröffnung des SSI-Stahlwerkes.

Bildlegende: Die Stahlkocher John Baker, Paul Warren und Steve Readman im Gespräch mit Joe Schelbert. SRF

Doch der Aufschwung kommt nicht überall an, vor allem nicht bei den abhängig Beschäftigten. Deren Reallöhne sinken, das beeinträchtigt den Konsum – und das wiederum führt zu tieferen Steuereinnahmen. Die tiefen Löhne und die gesenkten Steuern auf Firmengewinne (von 28 Prozent auf 20 Prozent) machen das Land zwar für viele neue Firmen attraktiv, neue Jobs entstehen – aber von den Löhnen, die dafür oft bezahlt werden, können Millionen nicht überleben. Also muss der Staat einspringen, damit diese Menschen nicht in die offene Armut abstürzen. Das kostet Milliarden – wie die Mietbeihilfen oder Steuergutschriften.

Die Wut auf «die in London»

Um das Budget im Lot zu halten, verabschiedete die Regierung jedes Jahr ein neues Sparpaket. Und die trafen den Norden Englands, der schon mit den Ruinen und den Folgen der abgegangenen Schwerindustrie zu kämpfen hat, viel stärker als den Süden. Beschäftigte im öffentlichen Dienst verloren zu Zehntausenden die Stelle, Spitäler wurden geschlossen und den Gemeinden fehlt das Geld, um einen öffentlichen Verkehr aufrecht zu erhalten.

So spürt man im Norden viel Bitterkeit gegenüber dem Süden und der etablierten Politik. Den Konservativen misstraut man traditionell, aber selbst Labour muss in ihren einstigen Hochburgen um Sitze bangen. Die nationalistische UKIP erhofft sich in diesen abgehängten Regionen Zuspruch, die Grünen von enttäuschten Linkswählern.