«Wahrscheinlich hat Boko Haram Kontakt mit Soldaten der Armee»

Erneut sind in Nigeria junge Frauen entführt worden, diesmal sind es um die dreissig. Hinter den Entführungen steckt vermutlich wieder die Terrororganisation Boko Haram. Bereits im April hatte die Sekte mehr als 200 Mädchen und junge Frauen entführt. Ein Grossteil gilt noch immer als vermisst.

SRF: Was will Boko Haram mit diesen Entführungen erreichen?

Katrin Gänsler: Offiziell heisst es, dass man damit einen Gefangenenaustausch erzwingen möchte. Die Gruppe will, dass alle inhaftierten Terroristen unverzüglich freigelassen werden. Darauf kann die Regierung sicherlich nicht eingehen, weil damit der Terror nicht beendet wird. Die Gruppe würde gestärkt werden. Was Boko Haram damit geschafft hat, ist, dass sie die Staatsregierung blossstellt. Die Regierung wirkt schwach und wenig entscheidungsfreudig. Für Boko Haram ist das eine gute Propaganda, weil sie gegen die Regierung und gegen staatliche Strukturen kämpft.

Ist das Ziel von Boko Haram, im Norden Nigerias einen Gottesstaat zu errichten?

Das haben Boko-Haram-Sprecher am Anfang immer wieder gesagt. Allerdings muss man wissen, dass in Nordnigeria bereits seit über zehn Jahren die Scharia gilt. Die Nord-Bundesstaaten haben sie zu Beginn der Zivilherrschaft 1999 eingeführt. Boko Haram führt auch einen Kampf gegen die nigerianische Regierung. Das ist auch anfangs immer wieder von Boko Haram betont worden.

Führende Imame in Nigeria sagen, dass die Forderung nach einem Gottesstaat überhaupt nicht stimmen würde. Wer sich wirklich mit dem Koran auskennt, käme niemals auf die Idee, einen Gottesstaat einzuführen.


Boko Haram entführt wieder Mädchen

5:29 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.06.2014

Ist das nigerianische Militär so schwach, dass es Boko Haram nicht ausschalten kann?

Im Kampf sind die Kämpfer von Boko Haram sehr viel motivierter als die der Armee. Die Boko-Haram-Krieger sind sehr mobil, sehr schnell, sie agieren mit plötzlichen, unerwarteten Anschlägen. Die Armee ist in dieser Art von Kampf noch nicht ausgebildet.

Darüber hinaus gibt es immer wieder Spekulationen, dass auch Mitglieder der Armee Boko Haram mit Informationen versorgen. Das lässt sich sehr schwer belegen. Es soll in der vergangenen Woche eine Untersuchung gegen hochrangige Militärvertreter gegeben haben. Das hat die Armee aber stark dementiert. Allerdings gilt es doch als wahrscheinlich, dass der eine oder der andere Soldat Kontakt zu der Gruppe hat und diese durchaus mit Informationen versorgt.

Was kann der nigerianische Staat tun, damit keine Mädchen und jungen Frauen mehr entführt werden?

Kurzfristig müssen das nigerianische Militär und die Polizei sicher besser ausgebildet werden. In ländlichen Regionen im Norden muss die Präsenz verstärkt werden.

Mittel- und langfristig ist es aber nötig, eine verbesserte Infrastruktur zu schaffen. Der Norden Nigerias ist sehr arm, die Leute haben kaum Aussichten auf einen Job. Sie sind damit anfälliger für radikale Ideen. Eine grosse Aufgabe der Regierung ist, da für Entwicklung zu sorgen und sicherlich ist es auch sehr wichtig, die gute Regierungsführung vorzuleben. Die Korruption im Land, die aufs Schärfste kritisiert wird, die muss aufhören. Die nigerianische Regierung muss auch den Willen zeigen, die Korruption zu bekämpfen. Und das geschieht nach wie vor nicht. Es gibt jetzt zwar in Abuja eine Kommission zur Korruptionsbekämpfung, die gilt aber als sehr schwach. Und solange sich das nicht ändert, wird sich bei der Regierungsführung nichts ändern.

Das Gespräch führte Lukas Mäder.

Katrin Gänsler

Journalistin Katrin Gänsler

zvg

Die Deutsche Katrin Gänsler ist freie Journalistin in Westafrika. Sie berichtet für deutschsprachige Tageszeitungen, Magazine und öffentlich-rechtliche Radios.