Warum der Fall Tapie Frankreichs Mächtige zittern lässt

Der Geschäftsmann Bernard Tapie erhielt eine Entschädigung von mehreren hundert Millionen Euro vom französischen Staat. Nun, nach dem Wechsel der Regierung, untersucht die Justiz, ob dies rechtens war. Sein Fall könnte noch Prominentere mit in die Tiefe reissen.


Der gefährliche Monsieur Tapie

3:43 min, aus Echo der Zeit vom 28.06.2013

Vier Tage Verhör, die Nächte hinter Gittern, und nun die formelle Strafuntersuchung gegen den schillernden Geschäftsmann und Politiker wegen bandenmässigen Betrugs. Tapie habe vor rund fünf Jahren durch ein manipuliertes Schiedsgerichtsurteil über 400 Millionen Euro ergaunert, sagen die Untersuchungsbehörden. Die Richter dieses Schiedsgerichts seien nicht unabhängig gewesen, sondern hätten mit Tapies Anwälten Geschäftsbeziehungen unterhalten. Im Klartext: Es sei gemischelt und geklüngelt worden.

Von der Bank betrogen?

Tapie machte geltend, er sei beim Verkauf seines Sportartikelkonzerns Adidas von der Bank Crédit Lyonnais übers Ohr gehauen worden. Die Bank habe ihm zu wenig bezahlt. Während Jahren prozessierte er, bis dieses ominöse Schiedsgericht den vermeintlichen Schlusspunkt setzte und Tapie dreistellige Millionenbeträge zugestand. Da der Staat die unterlegene Crédit Lyonnais inzwischen vor dem Konkurs retten musste, tragen faktisch die Steuerzahler den Schaden.

Bernard Tapis in einem Auto

Bildlegende: Der französische Geschäftsmann Bernard Tapie. Keystone/Archiv

Natürlich bestreitet Tapies Anwalt alle Vorwürfe. Doch die Affäre nimmt immer grössere Dimensionen an. In den letzten Wochen wurde bekannt, dass Tapie in der fraglichen Zeit wiederholt Gast im Elysee-Palast war und den damaligen Staatspräsidenten Sarkozy getroffen hatte.

Der Verdacht besteht, es habe eine Abmachung zwischen Tapie und Sarkozy gegeben. Die Abmachung: Das Schiedsgericht spricht dem früheren Adidas-Besitzer 400 Millionen zu, dieser unterstützt im Gegenzug als ehemaliger Minister einer linken Regierung den konservativen Nicolas Sarkozy im Wahlkampf 2007. Die Presse reagierte empört, sprach von «Bananenrepublik» und «Staatsaffäre».

Lagarde hatte zugestimmt

Mit in den Deal verwickelt ist möglicherweise auch Christine Lagarde, heute Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Als Wirtschaftsministerin hatte sie damals in das Schiedsgerichtsverfahren eingewilligt. Die Frage steht nun im Raum, ob Sarkozy ihr den Befehl dazu gegeben hatte.

Es gilt natürlich auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung. Aber die Nachricht von Tapies «Mise en examen» sorgt in Frankreich erneut für riesige Schlagzeilen. Die Strafuntersuchung droht eine Kettenreaktion auszulösen, bei der zuletzt nicht nur der heimliche König von Marseille hinter Gittern sitzt, sondern auch in Politik und Wirtschaft Köpfe rollen.

Sarkozy ist immun

Der Druck auf Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds wird weiter zunehmen. Sie hat in dieser Geschichte schon den Status eines «témoin assisté», eines verdächtigen Zeugen mit Rechtsbeistand. Einen Prozess mit vielen Terminen in Paris könnte die in Washington ansässige IWF-Direktorin nicht meistern.

Auch der Stuhl des Chefs des Telekommunikationskonzerns Orange wackelt. Stéphane Richard war Chef des Kabinetts von Christine Lagarde.

Nicolas Sarkozy geniesst zwar für seine Taten als Staatschef Immunität. Aber ein Prozess gegen Tapie oder gar Lagarde, der in den Medien monatelang für Schlagzeilen sorgen würde, dürfte all seine Träume von einem politischen Comeback zunichte machen.