Was kommt nach dem «Islamischen Staat»?

Die Terrororganisation «Islamischer Staat» gerät zunehmend in Bedrängnis. Insbesondere in Irak, aber auch in Syrien verlieren die Dschihadisten an Territorium. Der Irak müsse sich als konföderalistisches Gebilde neu erfinden, sagt Islamwissenschaftler Udo Steinbach. Für Syrien sieht er schwarz.

Blick auf eine verstaubte Stadt mit leeren Strassen, im Hintergrund ein Riesenrad.

Bildlegende: Ramadi: Der irakischen Armee ist es zum Jahreswechsel gelungen, den IS aus der Stadt zu vertreiben. Keystone

Die Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) verliert sowohl in Irak als auch in Syrien an Territorium. Was passiert, wenn sie eines Tages ganz aus den beiden Ländern vertrieben wird?

  • In Irak kommt es darauf an,wer das Land befreien wird, die Armee oder die Milizen. Die Regierung in Bagdad hat im Moment klar den Ehrgeiz, die Befreiung von der Armee durchführen zu lassen und dann die Kontrolle über das Land wieder zu übernehmen.
  • In Syrien wird das an der chaotischen Situation zunächst nicht viel ändern. Die IS-Kämpfer werden in andere islamistischen Organisationen übergehen. Eine legitime Regierung in Damaskus ist durch die Vertreibung des IS aber noch nicht geschaffen.

Welche Bedeutung haben die jüngsten Vertreibungen des IS aus besetzten Städten in den beiden Ländern?

  • Im Fall der irakischen Stadt Ramadi hat der Staat dadurch eine gewisse Präsenz markiert. Das ist ein positives Signal. Es zeigt, dass der IS kein Schicksal ist, das über die Region hereingebrochen ist. Der IS lebt nicht von seiner eigenen Stärke, sondern von der Schwäche der Gegner.
  • Im Fall der syrischen Stadt Palmyra hat Machthaber Baschar al-Assad sich dadurch wohl ein bisschen rehabilitiert. Doch auch seine Stärke hängt vom Verhalten anderer ab. Russland scheint nun auch langsam auf eine politische statt militärische Lösung zu setzen. In diesem Fall wären Assads Tage in Damaskus gezählt.

Welches sind nebst dem IS die grossen Probleme, mit denen die beiden Länder kämpfen?

  • Irak muss seine Gesellschaft, die Politik und die Institutionen von Korruption befreien. Vieles im Bereich der Verbesserung der Infrastruktur ist aufgrund dieses Übels noch nicht so weit gediehen, wie man es sich wünschte. Auch ist ein Versöhnungsprozess zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen erforderlich: Der irakische Staat muss sich im Sinne eines konföderalistischen Gebildes neu erfinden.
  • Syrien kämpft an zwei Fronten: Ist der IS einmal besiegt, bleibt das ungelöste Problem der Nachfolge von Machthaber Assad. Ein Machtwechsel und das Schaffen einer legitimen Regierung in Damaskus ist die Voraussetzung für die Beendigung des Chaos in dem Land. Am Donnerstag beginnt die dritte Runde der Friedensverhandlungen in Genf.

Zur Person

Udo Steinbach ist deutscher Islamwissenschaftler. Von 1976 bis 2006 leitete er das Deutsche Orient-Institut. Er verfasste zahlreiche Bücher und Publikationen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Nahen Osten.

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