Giftgas-Einsatz in Syrien Was man weiss – und was nicht

Die USA reagieren mit ihrem Angriff auf die Luftwaffen-Basis bei Homs auf den mutmasslichen Giftgas-Angriff vom Dienstag. Wie gesichert sind aber die Informationen und Meldungen, die uns aus Syrien erreichen? Was weiss man zum jetzigen Zeitpunkt mit Sicherheit – und was nicht?

Oliver Thränert, Leiter des Think-Tanks am Center for Security Studies der ETH Zürich und Experte für chemische Kampfstoffe, liefert Antworten.

Herr Thränert, gibt es Zweifel daran, dass am Dienstag in der Provinz Idlib Menschen durch einen chemischen Kampfstoff verletzt und getötet wurden?

Ich glaube es ist ziemlich klar: Die Betroffenen klagten über Atemnot, Pupillenverengung, Schaum vor dem Mund und es waren keine äusseren Verletzungen zu erkennen. Das spricht sehr stark für einen chemischen Kampfstoff.

Über den Typ des Kampfstoffs weiss man mittlerweile auch mehr: Der türkische Justizminister hat am Donnerstag mitgeteilt, dass man bei bei den ersten Analysen Hinweise auf das Nervengas Sarin gefunden habe. Wie verlässlich sind diese Informationen?

Nachdem dort offenbar die Betroffenen bzw. die Leichen untersucht wurden, kann man davon ausgehen, dass hier tatsächlich Sarin eingesetzt worden ist. Man kann die Zerfallsprodukte von Sarin unter anderem im Blut feststellen. Deshalb gehe ich davon aus, dass es sich um eine einigermassen zuverlässige Information handelt.

Umstritten ist allerdings, ob es sich wirklich um einen Angriff gehandelt hat. Gemäss Russland trat Gas aus, weil ein Waffen-Lager von Rebellen zerstört wurde.

Das erscheint mir wenig plausibel. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass der IS über Senfgas verfügt, aber nicht über Sarin. Zudem müsste sich ein solches Lager in einem bewohnten Gebiet befunden haben. Dass die Islamisten dort überhaupt ein solches Lager angelegt hätten, ist zudem sehr unwahrscheinlich.

Die USA sprechen ganz klar von einem Angriff durch die syrische Armee von Assad. Wie gesichert ist diese Version?

Man weiss, dass die syrische Armee bis vor einiger Zeit über das umfassendste und modernste Chemiewaffen-Programm des gesamten Nahen Osten verfügt hat. Wir wissen zudem, dass Teile der syrischen Streitkräfte gut trainiert sind, solche chemischen Kampfstoffe einzusetzen. Weiter wissen wir auch, dass Syrien offenbar nicht alle chemischen Stoffe deklariert und zerstört hat – obwohl es mittlerweile Mitglied des Chemiewaffen-Verbot-Vertrags ist. Und die syrische Regierung hat schon früher verschiedene chemische Kampfstoffe gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Deshalb spricht einiges dafür, dass syrische Streitkräfte auch diesmal die Verursacher waren.

Amerika legte jetzt fest: Es war die syrische Armee – ist das nicht zu früh, um zu einem solchen Urteil zu kommen? Bewegen sich die Amerikaner nicht auf sehr dünnem Eis?

Ich weiss nicht, welche Informationen dem Nachrichtendienst des Weissen Hauses vorliegen. Sehr wahrscheinlich sind diese viel detaillierter, als öffentliche Quellen. Aufgrund der öffentlichen Quellen kann man nicht 100 Prozent sicher sein, dass es sich tatsächlich um einen Angriff der syrischen Streitkräfte gehandelt hat.

Wer verfügt denn sonst noch über Sarin?

Der IS hat sich in Syrien bereits mit Chemiestoffen befasst und hat allem Anschein Senfgas selber hergestellt und auch eingesetzt. Das wurde auch von einer entsprechenden UNO-Kommission nachgewiesen. Dass der IS auch über Sarin verfügt, wissen wir noch nicht. Aber wir können nicht ausschliessen, dass sie auch diesen Kampfstoff hergestellt haben.

Es gibt noch viele ungeklärte Fragen. Wie liessen sich diese bald beantworten?

Wichtig ist, dass man zeitnah Bodenproben sammelt und analysiert. Das wurde in Vergangenheit schon getan, auch unter Beteiligung von Schweizer Stellen wie dem Labor Spiez. Man kann an solchen Bodenproben relativ gut feststellen, was für ein Kampfstoff eingesetzt wurde. Das Problem ist in einer solchen Bürgerkriegssituation nur: Wer möchte da zeitnah unabhängige Inspektoren dahin schicken und sie dort möglicherweise mit ihrem Leben gefährden?

Das Gespräch führte Miriam Knecht

Beat Schmidt, Leiter der Rüstungskontrolle Chemie vom Labor Spiez, geht auf Einwände von SRF-User ein

Ein SRF-User wirft die Frage auf, warum die Helfer im Video keine Sicherheitsanzüge tragen, wenn es sich doch um einen Giftgas-Angriff handelt?
Dieser Einwand ist berechtigt. Wenn man den Verdacht hat, Chemiewaffen wurden eingesetzt, sollte man sich schützen mit einem entsprechenden Anzug und Schutzmasken. Da sich das Gas verflüchtigt, kommt es nun darauf an, wie viel Zeit seit dem Chemiewaffen-Angriff verstrichen ist. Die Konzentration in der Luft ist dann dementsprechend höher oder weniger hoch. Zudem stellt sich die Frage, ob genügend Schutzanzüge überhaupt zur Verfügung standen.


Im Moment geht man davon aus, dass das Giftgas Sarin zu den Vergiftungen geführt hat. Sarin sei aber geruchslos, schreibt ein anderer SRF-User.
Hier muss man unterscheiden, wenn wir von reinem Sarin sprechen, das jetzt frisch synthetisiert würde, wäre es geruch- und geschmacklos. Aber gerade in einem solchen Fall, wo es über eine Bombe ausgetragen wird und dann entsprechend verdampft, könnten es auch Verbrennungsrückstände sein, die dann stinken. Es kann aber auch die Qualität dieses Kampfstoffes sein. Wenn es eine hundertprozentige Reinheit hat, schmeckt er vielleicht weniger intensiv. Wenn es aber nur eine 60-Prozent-Reinheit hat, dann sind vielleicht Nebenprodukte drin, die man auch riechen kann.

Oliver Thränert

Porträt Oliver Thränert.

ETH Zürich, T. Langholz

Der Spezialist für Sicherheitspolitik leitet den Think Tank am Centre for Security Studies an der ETH Zürich.