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Wassermangel in Kapstadt Die grosse Angst vor dem «Day Zero»

Kapstadt geht das Wasser aus. Die Behörden befürchten schon bald Seuchen und Gewalt.

Bei den Newlands Springs, einer natürlichen Quelle mitten in einem Mittelschichtquartier in Kapstadt, herrscht Andrang. Menschen jeglichen Alters, Geschlechts und aller Hautfarben stellen sich mit ihren leeren Plastikflaschen und Kanistern in die Schlange. Alle wollen nur eines: zusätzliches Wasser. Denn das Wasser aus dem Hahn zuhause ist rationiert.

Im Juli kommt «Day Zero»

Kapstadt ist die erste Grossstadt der Welt, der das Trinkwasser auszugehen droht. Die Region wird von der härtesten Dürre seit über hundert Jahren heimgesucht, aber die Stadt hat es auch verschlafen, vorzusorgen. Wenn es nicht bald und genügend regnet, werden im Juli die Wasserhähne in Kapstadt zugedreht. Dann müssten alle Einwohner an öffentlichen Stellen für rationiertes Trinkwasser anstehen.

«‹Day Zero› steht kurz bevor», sagt ein junger Mann. Dann dreht die Stadt die Wasserversorgung ab. Um zu verhindern, dass die Stunde Null eintrifft, haben die Behörden den Wasserdruck in den Leitungen schon vor längerer Zeit vermindert. Jede Person darf seitdem pro Tag noch höchstens 50 Liter Wasser brauchen.

Es droht eine Anzeige des Nachbarn

Wasserpatrouillen kontrollieren, ob die Haushalte die Rationierung einhalten. Es gibt sogar eine städtische Hotline, bei der man Wassersünder anzeigen kann. Doch ob das reicht, ist unklar. Deshalb fürchten viele Kapstädter den «Day Zero». «Wenn sie wirklich die Hähne zudrehen, wird das ein Riesenproblem. Ich kann mittlerweile sogar verstehen, warum Nationen für Wasser in den Krieg ziehen», sagt ein älterer Mann in der Warteschlange.

Personen füllen Wasserflaschen und -kanister mit Wasser.
Legende: KapstädterInnen stehen für Trinkwasser bei den Quellen von Newlands an. SRF/Anna Lemmenmeier

Als die Stadt Anfang Jahr die Stunde Null auf April ansetzte, brach bei einigen Kapstädtern Panik aus. Sie kauften das Trinkwasser in den Supermärkten auf und legten ganze Wasserlager in ihren Garagen an. Bei den Quellen von Newlands habe damals Chaos geherrscht, erzählt eine Anwohnerin: «Es war ein Albtraum.»

Die ganze Nacht hindurch seien Lastwagen vorgefahren, um an der Quelle Wasser abzuzapfen und abzutransportieren. «Einige meiner Nachbarn haben sogar ihr Haus verkauft – sie konnten nicht mehr schlafen», ergänzt die Frau. Weil es auch zu Schlägereien gekommen ist, kontrolliert mittlerweile die Polizei die Wasserstellen Kapstadts. Es ist dies bloss ein Vorgeschmack, was an «Day Zero» passieren könnte.

Es drohen Seuchen und Gewalt

Die Stadtbehörden versuchen, sich auf die Situation der Stunde Null vorzubereiten. Zuständig für den Notfallplan ist Greg Pillay. Er ist Chef des Kapstädter Disaster Risk Management Center. Seine Behörde sieht vier Hauptrisiken: «Kein Wasser heisst keine Hygiene, heisst Krankheitsausbrüche. Ausserdem droht die Gefahr von Gewalt in der Bevölkerung», sagt Pillay.

Mann sitzt an einem Bürotisch.
Legende: Greg Pillay, Chef des Kapstädter Disaster Risk Management Center. SRF/Anna Lemmenmeier

Sollte Kapstadt das Wasser ausgehen, wird die Regierung mit Hilfe von Polizei und Militär an 200 Stellen in der Stadt je 25 Liter Wasser pro Person und Tag abgeben. Spitäler, Atomkraftwerke, der Flughafen und andere wichtige Infrastrukturen werden weiterhin uneingeschränkt Wasser haben. Für alle anderen wird das Leben nicht mehr sein wie zuvor, so der Katastrophenmanager.

«Alle werden sich viel Zeit nehmen müssen, um für Wasser anzustehen.» Das werde die Wirtschaft beeinträchtigen, auch könnte es Jobs kosten. «Ich bitte darum alle Kapstädter, Wasser zu sparen, damit es nicht zum Ernstfall kommt», appelliert Pillay an seine Mitbürger.

Wasserverbrauch dank Drohkulisse halbiert

Die Rhetorik der Behördenvertreter wird von vielen Kapstädtern als bedrohlich wahrgenommen, Kritik wurde laut. Doch die Drohkulisse hat auch Wirkung gezeigt: Innerhalb weniger Monate hat die Stadt ihren Wasserverbrauch halbiert. Wenn das so bleibt, und der Regen kommt, kann «Day Zero» noch vermieden werden. Wenn.

Tatsächlich hat es inzwischen angefangen zu regnen. Bei den Quellen in Newlands löst das Dankesgebete aus: «Thank you lord, thank you», hört man die Anstehenden ausstossen. Doch es sind nur ein paar wenige Regentropfen, die fallen. Trotzdem sind die Menschen froh; froh um jedes kleine bisschen Regen.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Jürgen Küssow (J. Küssow)
    Was das Problem der Wasserversorgung zusätzlich dramatisch zugespitzt hat, ist der jahrelange Zwist zwischen Zentralregierung und Western Cape Province. Das Western Cape ist die einzige Provinz, die nicht von der Regierungspartei ANC und seinen Clans regiert wird. Gelder, die bei der Zentralregierung zur Verfügung standen, um Grundwasserbohrungen durchzuführen, Meerwasseraufbereitungsanlagen zu installieren, marode Wasserleitungen auszubessen, sind dort versickert oder wurden zurückgehalten.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    In Kapstadt wird man wohl nur noch Meerwasser aufbereiten können für Hygiene und zum Kochen, Waschen etc. Gutes Trinkwasser nur zum Trinken. Ein Mensch kann ohne Wasser nicht überleben, da müssen sich die Südafrikaner sich schnell überlegen wo ein Ausweg aus dem Dilemma zu finden ist. Keine Garantie für Regen. Wenn bereits Dürre herrscht, was ist mit den Wildtieren? Vielleicht weiss Herr Nanni etwas darüber.
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  • Kommentar von Beat Gurzeler (B.Gurzeler, alias Rollstuhlrocker)
    Der Bürgerkrieg naht , ausbrechen wird er dann , wenn dann wirklich kein Wasser mehr vorhanden ist, gut das ich nicht dort lebe, dann wird dann die " die unterste Kaste " loslegen.
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