Wegen Umweltvergiftung: Prozess gegen Stahlwerkbosse

Im süditalienischen Tarent beginnt heute ein weiterer Prozess gegen Verantwortliche des grössten Stahlunternehmens in Europa. Angeklagt sind 52 Manager, Mitarbeiter und Politiker. Doch geschlossen werden kann das Werk nicht, meint SRF-Italienkorrespondent Massimo Agostinis.

52 Manager, Mitarbeiter und Politiker stehen ab heute in Tarent in Süditalien vor Gericht. «Ihnen wird vorgeworfen, während Jahrzehnten nichts unternommen zu haben, um die enormen Emissionen dieses Stahlwerks in Tarent unterbunden zu haben. Sie werden wegen des Auslösens eines Umweltdesasters angeklagt», sagt Massimo Agostinis, SRF-Italienkorrespondent.

Das italienische Stahlwerk Ilva ist der grösste Metallverarbeiter Europas. Vom Werk in Tarent sind rund 11‘000 Arbeitsplätze abhängig, wenn man die Zulieferer dazu zählt. Seit Jahren wird das Werk beschuldigt, mit seinen Emissionen die Umwelt zu verschmutzen und Menschen zu schädigen.

Im Oktober 2013 wurde gar die EU-Kommission wegen des Werks aktiv. Sie hat ein Verfahren gegen Italien wegen Nicht-Einhaltung der EU-Vorschriften bezüglich Industrieemissionen eingeleitet. Die Regierung in Rom stellte das Werk daraufhin unter staatliche Verwaltung. Unter dieser wurde die Produktion in Tarent weitergeführt. Ein Überbrückungskredit, mit dem die finanzielle Lage hätte stabilisiert und die giftigen Emissionen hätten reduziert werden können, wurde von der Regierung nicht gesprochen.

Schliessung keine gute Idee

Die Fabrik nun zu schliessen sei keine wirkliche Option, meint Agostinis: «Dieses Werk ist das Herzstück der süditalienischen Industrie. Wenn dieses Werk einfach so schliessen würde, würde der fast einzige legale Arbeitgeber der Region wegfallen. Das kann sich keine Regierung leisten.»

Und abgesehen davon, sagt der Korrespondent: «Es ist ja nicht so, dass Stahlwerke per se Umweltdesaster auslösen müssen.» In Deutschland und auch sonst in ganz Europa gebt es Stahlwerke die produzieren seit etwa zehn Jahren relativ sauber. «Warum soll das in Süditalien nicht auch möglich sein?»

Ilva-Logo auf dem Rücken eines Menschen.

Bildlegende: Von dem Stahlwerk Ilva hängen in der Region Tarent viele Existenzen ab. Reuters/Archiv

Opfer der Geschichte Italiens

Dass das Unternehmen Jahrzehntelang ohne Einhaltung von Umweltauflagen produzieren konnte, hat auch mit der Geschichte der italienischen Industrie zu tun, sagt Agostinis: «Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen die die USA, dass Italien die Billigwerkbank für ganz Europas sei. So entstanden im ganzen Land Werke, die sehr giftiges Zeug produzierte.»

Im Norden Italiens sei schon damals nicht so gearbeitet worden. Doch viele Unternehmen aus dieser Zeit im Süden seien noch in diesem Gedankengut verhangen. «Das heisst, sie produzieren, auch wenn es sehr giftig ist. Hauptsache, es gibt Arbeit und Hauptsache, man verdient etwas daran.» Ganz langsam setze nun auch bei Ilva ein Umdenken ein. Andere Teile des Konzerns wurden bereits umgebaut und die giftigen Produktionsprozesse wurden abgestellt. Dass dies in Süditalien noch nicht geschehen sei, habe mit der desaströsen Arbeitslage dort zu tun, sagt Agostinis.

Bereits Ende Mai wurden 27 ehemalige Manager im Zusammenhang mit dem Stahlwerk Ilva wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Umweltverseuchung verurteilt.