Weit und breit kein Vermittler in Sicht

Wer kann Israelis und Palästinenser zu einer Beendigung der Gewaltspirale bringen? Früher war dies Ägypten, doch das Land kämpft jetzt mit eigenen Problemen. Ein anderer Vermittler ist nicht in Sicht, sagt «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Tomas Avenarius in Kairo.

Häuser auf einem Hügel beim Eindunkeln, an einer Stelle ist ein grosses Feuer ausgebrochen.

Bildlegende: Die Gewaltspirale dreht ungebremst: Feuer im Gazastreifen nach israelischem Angriff. Keystone

SRF: Die Ägypter leiden seit jeher besonders stark mit den Menschen im Gazastreifen mit. Bloss: Dieses Mal ist kein Aufschrei zu vernehmen. Weshalb?

Tomas Avenarius: Es stimmt – der Aufschrei in den arabischen Strassen fehlt bisher. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind die Ägypter nach drei Jahren revolutionärem Auf und Ab mit sich selbst beschäftigt; sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Zum anderen hat die Absetzung der Mursi-Regierung dazu geführt, dass sich das Bild der Islamisten gewandelt hat. Sie haben stark an Ansehen verloren. Die palästinensichse Hamas ist ja eine Tochterorganisation der Muslimbrüder und leidet darunter, dass diese bei den Ägyptern nun nicht mehr allzu hoch im Kurs stehen.

Bei den bisherigen Vermittlungsversuchen für eine Waffenruhe hat die ägyptische Regierung die Hamas ignoriert. Kommt Kairo als unparteiischer Vermittler überhaupt noch in Frage?

Die Hamas traut der ägyptischen Regierung angesichts deren Umgang mit den Muslimbrüdern nicht. Zudem steht die ägyptische Regierung sehr schlecht zu jenen Staaten, welche die Hamas unterstützen; wie etwa die Türkei, Katar oder der Iran. Vermittlungsbemühungen können aber nur erfolgreich sein, wenn alle beteiligten Staaten zusammenarbeiten. Derzeit ist aber eine Zusammenarbeit zwischen Ägypten und der Türkei oder Katar nur schwer vorstellbar. Der innerarabische Zwist zwischen jenen Staaten, welche die arabischen Revolutionen unterstützen, und jenen, welche die Gegenrevolution unterstützen, belastet nun auch das Schicksal der Palästinenser. Das nützt Israel.

Derzeit weilt US-Aussenminister Kerry in Kairo. Welche Konzessionen müsste die ägyptische Regierung denn machen, damit Vermittlungsbemühungen überhaupt eine Chance hätten?

Die Frage ist, ob Kerry überhaupt Einfluss auf die Regierung in Kairo nehmen kann. Seit der Absetzung von Präsident Mursi ist das amerikanisch-ägyptische Verhältnis stark belastet. Kerry wird also grosse Probleme haben, Präsident Sisi zum Handeln zu drängen. Wichtiger wäre sowieso, dass Ägypten es selber schafft, mit der Hamas wieder irgendwie ein Übereinkommen zu erzielen. Denn in der Vergangenheit waren es meist die ägyptischen Geheimdienste, welche die Hamas zum Einlenken bringen konnten.

Vergibt Ägypten nicht eine Chance? Immerhin könnte sich das Land durch eine Verhandlungslösung profilieren und als wichtige Macht im Nahen Osten zurückmelden ...

Das kann man so sehen. Doch die Führungsmacht Ägyptens in Nahost hat durch die Revolution auch unter anderen Aspekten sehr gelitten: militärisch, wirtschaftlich, politisch. Ich weiss deshalb nicht, ob sich Ägypten einfach so zurückmelden kann.

Gibt es denn eine Alternative zu Ägypten als regionalen Vermittler?

Ich sehe die im Moment noch nicht. Vor der arabischen Revolution war ja Katar einer der grossen Vermittler und hat auch beim Gazakrieg 2009 vermittelnd eingegriffen, weil es ganz gute Beziehungen zu Israel hat. Aber die enge Freundschaft Katars zu den Muslimbrüdern belastet diese Möglichkeit nun auch – Katar wäre heute kein unparteiischer Vermittler im Gazakonflikt. Auch die Türkei kommt nicht richtig dafür infrage, weil die Regierung den Islamisten nahesteht. Und Saudi-Arabien kommt nicht infrage, weil es die Gegenrevolutionen unterstützt und gegen die Hamas ist. Tatsächlich ist niemand zu sehen, der hier wirklich vermitteln könnte.